Nachahmungsbelehrung

29. März 2007, 18:52
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P. wundert sich: Andere werden für Dinge, die bei ihr locker durchgehen nämlich immer wieder ziemlich schlecht behandelt

Es war am Sonntag. Da schickte P. dann – wie sie schrieb – zum vierten Mal jenes Mail, in dem sie ihre kleine Geschichte erzählte. Und eigentlich, schrieb sie, sei sie ja beinahe froh, dass ihre ersten Mails übersehen und/oder ignoriert worden waren. Weil sie nämlich mittlerweile das Gefühl habe, dass da ein Bewusstsein entstehe. Langsam zwar, aber eben doch ein bisserl.

P. äfft nämlich nach. Oder ahmt nach. Im Supermarkt. Denn, schreibt die mir unbekannte Frau, nicht nur das Lernen nach dem Prinzip der ewigen Widerholung funktioniere, sondern auch das Lehren. Und in ihrem Fall, schreibt P. habe sie eben beschlossen, Kunden-Verhalten, das vom Personal ihres Supermarktes bei ihr und ihresgleichen anstandslos geduldet werde, während es bei anderen Menschen aber als Frechheit oder Zumutung empfunden wird, so auffällig zu imitieren, dass es sogar der Frau an der Kassa irgendwann auffallen müsse.

Zufall

Das erste Mal, schreibt P., sei das mit dem Nachahmen ja beinahe noch Zufall gewesen: Die Kopftuchfrau vor ihr hatte nämlich die falsche Münze ins Einkaufswagerl gesteckt – und bekam die nun nicht mehr heraus. Und als sie die Frau an der Kassa um Hilfe gebeten habe, schreibt P., habe die sie einfach ignoriert. Mehrfach. Und sogar als sie abgelöst wurde, an der Kopftuchfrau vorbei ging und die sie bat, doch zumindest zu sagen, was sie tun solle, habe sie die Kundin einfach ignoriert. Und, so dass es P. und die Warteschlange schon, aber die Frau bei den Wagerln nicht hören konnte, gemurmelt, dass Integration eben hieße, Lehrgeld zu bezahlen. Etwas weniger höflich formuliert.

In der Warteschlange habe man gefeixt, schreibt P. Sie selbst habe den Kopf eingezogen: langer Tag, müde, eh schon abgespannt – das Übliche eben. Trotzdem habe sie sich schlecht gefühlt. Und als sie wenig später ihr Wagerl zurückschieben wollte, merkte sie dann, dass auch sie die falsche Münze erwischt hatte. Aber – oh Wunder – die eben aus der Pause zurückkehrende Supermarktfrau habe sich ihrer sofort erbarmt. Freundlich und hilfsbereit – und sogar mit einer Zange, die bei der Kassa gelegen habe, hätte die Kassiererin ihr ihre 50 Cent aus dem Wagerl gerupft. „Mach ma doch gerne!“

Fremdsprachen

Am nächsten Tag, schreibt P., sei dann ein Afrikaner an der Kassa gestanden. Und habe nach einem „Receipt“ verlangt. Nur habe das Kassenpersonal das halt nicht verstanden. Und geglaubt, der Mann unterstelle, beim Retourgeld betrogen worden zu sein. Sofort, so P. sei er gedutzt und in Nennform-Sätzen anagitiert worden. (Nebenbei, schreibt P., sei ihr da wieder einmal aufgefallen, dass die meisten Menschen versuchen, fehlendes Fremdsprachenvokabular durch zumindest sehr lauten Baby-Talk zu kompensieren. „Vielleicht, um den Babelfisch aufzuwecken“). Und als der Schwarze dann – nach mehrmaligem auf-den-auf-den-Boden-geworfenen-Kassenbon-Zeigen – endlich seine Rechnung hatte, sei ihm ein „du zahlen daheim wohl mit Muscheln“ nachgerufen worden.

Sie habe, schreibt P. darauf umgehend deutsch verlernt – und vom Kassenpersonal auf englisch verlangt, mit Kreditkarte zahlen zu dürfen. Natürlich, schreibt P., habe man sich bei ihr entschuldigt. Und den Filialleiter geholt. Der habe dann radebrechend halbenglisch erklärt ... und so weiter. In den Tagen darauf, sagt P., habe sie das Spiel dann perfektioniert: Unhöflich beantwortete Suchfragen einer alten halbblinden Frau wortwörtlich wiederholt. Ebenso die einem Kind verweigerte Bitte, etwas aus dem Regal herunterzuheben. Oder das Ansuchen einer Migrantin, die halbvolle Einkaufstasche in der Obhut der Kassierern abstellen zu dürfen. Oder das mehrfache Nachfragen eines Mannes mit Kaftan, ob in dieser oder jener Wurst denn wirklich kein Schweinefleisch drin sei.

Geduld

Das Resultat, schreibt P., sei immer gleich gewesen: Sie, die blonde, elegante Mittdreißigerin, sei stets ausnehmend höflich und mit allergrößter Geduld behandelt worden. Sogar dann, wenn sie sich an einer gerade zum Schließen vorbereiteten Kassa angestellt hatte. Aber nun, schreibt P., glaube sie, dass man ihr auf die Schliche gekommen sei: Als eine osteuropäisch aussehende und ebenso klingende hochschwangere Frau an der Kassa die Bitte, doch rasch aufs Klo gehen zu dürfen, abgeschlagen worden war, habe sie, P. („ich bin ziemlich schlank – also in jedem Fall offensichtlich nicht hochschwanger“) umgehend behauptet, ebenfalls schwanger und in Not zu sein. Und wurde prompt in die Personalräume geschickt. angeschaut.

Sie habe, sagt P., die wirklich Schwangere da einfach am Arm und mitgenommen. Und da sei der Supermaktkassiererin dann ein Licht aufgegangen: „Sie machen so was öfter, oder? Naja, solange sie sich nicht bei der Zentrale beschweren, ist das aber wurscht.“

Ach ja: P.s Mail ging nur im CC an mich – die ersten Schreiben nicht. Aber die dürfte die „Zentrale“ halt irgendwie übersehen haben. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 28. März 2007)

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