China: Wirtschaft boomt, Selbstmord­rate vor allem bei Jugendlichen steigt

29. März 2007, 09:17
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Experten erwarten heuer 287.000 Selbstmorde - Junge Menschen sind von Existenzängsten geplagt und fühlen sich allein gelassen

Peking - Chinas harmonische Gesellschaft, die von der Kommunistischen Partei als Ziel ihrer Politik ausgegeben wird, birgt das dunkle Geheimnis einer Rekordzahl an verzweifelten und depressiven Menschen, die ihrem Leben ein Ende machen. Chinesische Psychologen und Sozialwissenschafter sprechen von einer Gesellschaft, die vom Tempo der Veränderungen überfordert ist und mit ihren Ängsten vor Jobverlust, zerbrochenen Sozialbeziehungen, Krankheit oder Einsamkeit allein gelassen wird.

In keinem anderen Staat der Welt ist die Selbstmordrate so hoch, nehmen Schäden durch Stress und Nervenkrankheiten so rasch zu, wie im dynamischen Wirtschaftswunderland, dem das 21. Jahrhundert zu Füßen liegt. Vor allem verbreitet sich der Bazillus der Selbstaufgabe unter jungen Menschen, die eigentlich allen Grund zur Lebenszuversicht haben müssten, meldete am Dienstag "schockiert" die Tageszeitung China Daily. Selbstmord sei zur "Todesursache Nummer 1 unter den Jungen" geworden.

Lebensmüde Schüler

Die Zeitung zitiert Untersuchungen der "Chinesischen Gesellschaft für mentale Gesundheit", denen zufolge Todesfälle in der Altersgruppe von 15 bis 34 Jahren im vergangenen Jahr mit 26 Prozent Selbstmorden weit vor tödlichen Unfällen oder Krankheiten kamen. Eine landesweite Umfrage des Instituts für Jugendforschung an der Universität Peking enthüllte, dass die Zahl der Suizidgefährdeten stark steigt. Demnach haben 2006 von 69.000 befragten Schülern und 72.000 Schülerinnen der Oberstufe 20,4 Prozent über Selbstmord nachgedacht und 6,5 Prozent ihn schon geplant. 2002 waren es im Vergleich erst 17,4 Prozent und 4,9 Prozent.

Als Gründe dafür werden genannt: Leistungs- und Prüfungsdruck, schulische Überforderungen, aber auch die Folgen der in den Städten seit 25 Jahren durchgesetzten Familienpolitik mit ihren Einzelkindern. Mehr als die Hälfte der Buben und 57 Prozent der Mädchen gaben an, unter Einsamkeit und dem Gefühl der Verlassenheit zu leiden.

Vergebliche Jobsuche

Den Freitod des Ende 2006 aus einem Wohnheim gesprungenen Chemikers Hong Qiankun, der die Pekinger Elite-Universität Qinghua absolviert hatte, nennt China Daily einen weiteren typischen Fall. Nach einem Jahr vergeblicher Arbeitssuche hatte er verzweifelt einen schlecht bezahlten Ausbilderjob in einer südchinesischen Küstenstadt angetreten, wo er den Dialekt nicht verstand. Nach vier Monaten machte der deprimierte Jungwissenschafter seinem Leben ein Ende. Er hinterließ einen Brief. Er wolle seiner Familie nicht mehr zur Last fallen.

Mehr als ein Drittel der 4,95 Millionen Hochschulabsolventen von 2006 haben keine Chance, eine adäquate Arbeitsstelle zu finden. Sie müssen sich andersweitig umschauen, eine tiefe Enttäuschung für sie selbst und ihre Familien.

Nach jüngsten veröffentlichten Zahlen des Gesundheitsministeriums nahmen sich 2003 mehr als 250.000 Menschen in China das Leben; zwei Millionen versuchten es. Das "Pekinger Forschungs- und Vorbeugungszentrum für Selbstmorde" geht für das Jahr 2006 von 287.000 Selbstmorden in China aus, das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl des Burgenlandes. Selbsttötung wurde inzwischen zur fünfthäufigsten Todesursache in China.

Zeitungen klären auf

Das 2002 unter Leitung des kanadischen Psychologen Michael Phillips gegründete Pekinger Suizid-Institut hat sich zur Aufgabe gemacht, die von den Behörden gerne heruntergespielten Probleme öffentlich zu machen und ihnen vorzubeugen. Immer öfter klären auch Zeitungen darüber auf, an welchen Symptomen Gefährdete zu erkennen sind.

Auch einzelne Aktivisten packen an. In Nanking fährt seit 2003 der 38-jährige Chen Si jedes Wochenende mit seinem Motorrad stundenlang Chinas berühmteste, 5773 Meter lange Brücke über den Jangtse ab. Er hat bisher 101 Selbstmordversuche vereiteln können und Lebensmüde oft in letzter Minute vom Geländer zurückgerissen.

Die 1968 während der Kulturrevolution doppelstöckig gebaute Bahn- und Autobrücke war immer stolzer Nachweis für die Größe des Landes. Chinesische Medien enthüllten nun, welch fatale Anziehungskraft sie auf die Gescheiterten des Systems ausübt. Mehr als 2000 Menschen stürzten sich in den vergangenen 20 Jahren von der Nankingbrücke in den Strom. Bis vor Kurzem war auch das ein dunkles Geheimnis. (Johnny Erling, DER STANDARD - Printausgabe, 28. März 2007)

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    Erschreckend oft kommt es in China zu solchen Szenen, nur selten können Polizei oder andere Helfer Selbstmörder von ihrem Vorhaben abhalten.

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