Dialog ohne Sentimentalitäten: Osterfestival Tirol

26. März 2007, 20:07
posten

Das Festival fokussiert die beiden Amerikas, deren imperialistische Inbesitznahme und globalisierte Gegenwart

Hall in Tirol/Innsbruck - "Darf ich auf kommendes Jahr vorgreifen? Nein?" Gerhard Crepaz trägt's mit Fassung, dass er nicht mehr ganz Herr im eigenen Haus ist. In der Galerie St. Barbara in Hall, die er gemeinsam mit seiner Ehefrau Maria seit 1968 zu einer westösterreichischen Institution aufgebaut hat, gilt seit zwei Jahren das Wort der jungen Generation.

Hannah (33) und Lukas Crepaz (26), studierte Musikwissenschafterin bzw. graduierter Wirtschaftswissenschafter, leiten seither offiziell den ganzjährigen Veranstaltungsbetrieb - auch wenn das Osterfestival, der 1989 gegründete, überregional bedeutsame Gravitationspunkt, noch bis voraussichtlich 2009 im familiären Teamwork programmiert werden wird.

Crepaz juniores wollen im Interview die journalistische Aufmerksamkeit gänzlich auf den Festival-Jahrgang 2007 gerichtet wissen. Dieser fokussiert, nach der islamischen Welt im Vorjahr, die beiden Amerikas, deren imperialistische Inbesitznahme und globalisierte Gegenwart. Und zwar mit dem etwas missverständlichen Motto "Leben, nicht leben lassen", dessen Bezug auf die grausame "Entdeckung" dieser Kontinente erst klar wird, wenn man die Satzglieder als Gegensatzpaar (mit Gedankenstrich) begreift.

Vorklassische und zeitgenössische sowie außereuropäische Musik, diese drei Säulen prägen auch heuer wieder das Profil des Festivals - aus dem einfachen Grund, dass das klassisch-romantische Repertoire, die "Hochglanzklassik", ohnehin routinemäßig im Kulturbetrieb gepflegt werde, so Lukas Crepaz. Wobei der - kritische - religiöse Fokus dazu diene, eine - wenn auch nicht die einzige - Basis zum Dialog zu finden, wie Schwester Hannah anmerkt.

Begegnungen

Konkret bedeutet das 2007 etwa Begegnungen mit der Musik Steve Reichs und Astor Piazzollas (Pianisten-Duo Davide & Daniele Trivella mit Klarinettist Helmut Sprenger), ein Projekt mit zeitgenössischer lateinamerikanischer Musik (Flötistin Angélica Castelló und Ensemble Intégrales), ein Gastspiel der Compagnie Cie Accrorap aus Besancon mit einer interkulturellen Tanz-HipHop-Performance, sowie am Ende der Karwoche Aufführungen von "indigenem Barock" aus Südamerika, also der von der indigenen Bevölkerung Boliviens und Chile akkulturierten, ursprünglich von den Jesuiten-Missonaren eingeführte Musik.

"Das Osterfestival ist auch ein politisches Festival", kommentiert Gerhard Crepaz den globalisierungskritisch zu lesenden Aktualitätsbezug. Maria Crepaz ergänzt: "Im Prinzip geht es um Ängsteabbau. Man nimmt die Angst vor dem Fremden, indem man Verbindungen zum Eigenen, Möglichkeiten zum Dialog aufzeigt."

Ein Dialog, den man in der Galerie St. Barbara nicht als oberflächlich versteht: Hier werden musikalische Positionen in ihrer vor Ort gewachsenen Form (man vermeidet klugerweise das Wörtchen "authentisch") präsentiert, Fusionen und Crossover-Unternehmungen aller Art bleiben draußen.

Lukas Crepaz: "Crossover bedeutet oft Kitsch, zudem besteht die Gefahr, dass man alles durch die rosarote Brille sieht - nach dem Motto 'Wir sind eh alle eine Familie.' Das ist kein Dialog, das ist Sentimentalität." (Andreas Felber / DER STANDARD, Printausgabe, 27.03.2007)

Osterfestival Tirol
in Innsbruck und in Hall in Tirol
bis. 8. 4.
Tel.: (05223) 538 08.
  • Musik- und Tanzperformance beim Osterfestival
    foto: osterfestival

    Musik- und Tanzperformance beim Osterfestival

Share if you care.