Nationalbibliothek: Wundärzte, Könige, Irrlehrer

5. April 2007, 16:06
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Prachtvoll renoviert präsentiert sich das Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek seit Kurzem der Öffentlichkeit

Unsichtbar, jedoch mindestens ebenso beeindruckend: die Arbeit hinter den Kulissen - Digitalisierung der fragilen Schätze.


Wien - Tu felix Austria nube: Wo das Heiraten, wie im Hause Habsburg, zur familiären Pflicht wurde, zum machterhaltenden Job, spielte das Gefühl zwar eine eher nachgeordnete Rolle. Wissen, wie das Gegenüber aussah, dem man die kaiserfamiliäre Hand und später auch den Rest des Körpers - und das Leben - reichte, wollte man dennoch recht gern ...

Was, vor der Erfindung des Flugzeugs, der Fotografie und des Internets, so einfach nicht war. Weshalb man bei Hof einen regen Austausch von Grafiken mit den Bildnissen der infrage kommenden Heiratskandidaten und -kandidatinnen pflegte.

Diese handgezeichneten und gestochenen Porträts bilden den Grundstock der Porträtsammlung der Nationalbibliothek, einem der Herzstücke des Bildarchivs. Andere kamen hinzu. Rund 200.000 druckgrafische Porträts bedeutender Personen von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart lagern heute in den Mappen des Bildarchivs.

Archiviert nach einem historischen Ordnungssystem, gegliedert nach Standeszugehörigkeit - Adel: Grafen, Freiherren - oder Beruf: Wundärzte, Zoologen, Päpste, Könige, Irrlehrer.

Gegründet von Kaiser Franz I. (1768-1835), einem begeisterten Liebhaber von Porträts, war es eines der Ziele der Sammlung, Abbildungen von Menschen aller Berufe, Stände und Völker zu vereinen. Auch Kostbarkeiten wie die 22.000 Kunstblätter umfassende Sammlung des Schweizer Physiognomen Johann Caspar Lavater (1741-1801) erwarb der Kaiser.

Schätze, die seit kurzer Zeit in neuem Glanz für die Öffentlichkeit verfügbar sind. Und das in mehrfacher Hinsicht. Zum einen öffnete das Bildarchiv nach längerer Umbauphase nun seine berückend renovierten Säle. Mit 3500 Quadratmetern Grundfläche und 30 Mitarbeitern ist die Sammlung eine der größten - und bedeutendsten - der Nationalbibliothek. Ein Rang, den die großen Säle, die in der Hofburg über dem Volkskunde-Museum logieren, stolz bestätigen.

Kaisers Privatbibliothek Beherbergen sie nicht nur die genannte Porträtsammlung, sondern bereits seit 1908 auch die - gleichfalls von Franz I. gegründete - kaiserliche Privatbibliothek, die so genannte "k. u. k. Familien- Fideikommissbibliothek", geschlossen weiterzuvererben an den ältesten männlichen Erben, ganz wie es Sitte war. Rund 116.000 in Leder oder Samt geschlagene Bände. 1921 wurde Kaisers Privatlektüre der Nationalbibliothek angegliedert, bis heute jedoch residieren die Bestände gesondert in den imperialen Prachtsälen.

Mehrere Lesesäle mit königlicher Aussicht aus der Höhe über den Heldenplatz bis hin zum Kahlenberg runden das noble Ambiente ab. Hinter den Kulissen, der Öffentlichkeit nicht zugänglich, lagern weitere Kostbarkeiten: Hochmodern ausgerüstete Dunkelkammern, in denen die Porträts und Bücher eingescannt und digital aufbereitet für die Internet-Nutzung zur Verfügung gestellt werden.

Foto-Archiv des ORF 200.000 Bilder kann man heute bereits online recherchieren, am Bildschirm betrachten und bestellen. Hauptsächlich Bestände des dritten, jüngsten und umfangreichsten Teils der Sammlung, dem eigentlichen Bildarchiv.

Mit etwa einer Million fotografischer Negative aus den historischen Sammlungen und den Foto-Archiven des ORF sowie wertvollen Privat-Nachlässen ist das Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek heute die größte Dokumentationsstelle historischer und zeitgenössischer Fotografie in Österreich.

Parallel zur Renovierung der Räume wurde in den vergangenen Jahren durch ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger und Bildarchiv-Leiter Hans Petschar intensiv an der Überführung der Bestände ins digitale Jahrhundert gearbeitet. Mehrere Projekte fanden ihren Anfang, um in kürzester Zeit sämtliche Bilder der Sammlung im Internet abrufbar zu haben.

Parallel arbeitet ein eigens - mit Drittmitteln - engagiertes Team von Wissenschaftern an der Sichtung und Aufarbeitung der Bestände der Porträtsammlung.Die Bewahrung der fragilen Exponate der Vergangenheit für die Zukunft findet in den Ruhe ausstrahlenden Räumen unter Höchstgeschwindigkeit statt.

Und nächste Schritte sind in Planung: Die Kompetenz, die sich die ÖNB in den vergangenen Jahren in puncto Digitalisierung erarbeitet hat - von den sündhaft teuren Geräten zu schweigen - prädestinierten das Haus, so Rachinger, seine Dienste künftig anderen österreichischen Institutionen zur Verfügung zu stellen. Als "Nationale Digitalisierungsstelle", etwa auch für das Staatsarchiv oder manche Museen. (Cornelia Niedermeier /DER STANDARD, Printausgabe, 27.03.2007)

  • Der Franzsaal, Prunkstück des Bildarchivs: Hier lagert in nobler Herberge des Kaisers einstige Privatbibliothek.
    foto: standard/ newald

    Der Franzsaal, Prunkstück des Bildarchivs: Hier lagert in nobler Herberge des Kaisers einstige Privatbibliothek.

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