Einen Schlussstrich gibt es nicht

3. April 2007, 18:22
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Der Historiker Steven Beller über Österreichs Wandlungen in der Geschichte

Wien - "Was nicht im Baedeker steht" berichtete der britisch-amerikanische Historiker Steven Beller kürzlich bei seiner "Wiener Vorlesung" anlässlich der internationalen Konferenz über "Wien und die jüdische Erfahrung 1900 bis 1938". Damals, als es in Kunst und Wissenschaft einen hohen jüdischen Anteil gab, habe in Österreichs Hauptstadt die Obsession geherrscht, so zitierte Beller zeitgenössische Quellen, bei jedem Gespräch über einen Mitmenschen zu fragen: "Ist er Jude?"

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg habe man das alles ausgeblendet, um im neuen Heimatgefühl Österreichs nicht an den Holocaust erinnert zu werden, meint Beller, dessen von der Babenbergerzeit bis in die jüngste Vergangenheit reichende "Geschichte Österreichs" soeben auf Deutsch erschienen ist.

Vom STANDARD gefragt, ob Österreich, nach den zahlreichen Politikererklärungen und Restitutionsbemühungen inzwischen nicht doch ein weniger verkrampftes Verhältnis zu seiner Vergangenheit gefunden habe, sagte Beller: "Im Vergleich zu vor 30 Jahren hat es sich stark verbessert." Dennoch habe es zuletzt wieder Rückschläge gegeben, wenn man daran denke, wie manche Restitutionsangelegenheiten behandelt wurden - zum Beispiel im Fall um die Klimt-Porträts von Adele Bloch-Bauer.

Auch an neuen Erkenntnissen - etwa über die Nationalbibliothek in der NS-Zeit und danach - sei das offizielle Österreich kaum interessiert. Als Historiker sei ihm aber klar, dass es in der Geschichte nie einen "Schlussstrich" gebe, weshalb schon der Begriff "Vergangenheitsbewältigung" problematisch sei. Eine Lehre aus der Geschichte hätte es sein können, offener gegenüber dem Neuen und Fremden, auch in der EU, zu sein.

Seit der Wende des Jahres 2000, dem Abgehen von der damals verkrusteten großen Koalition und den neoliberalen Reformen "in milder Form" habe sich etliches in Österreich gelockert, urteilt Beller. Es sei eine Ironie der Geschichte, dass es nach den Wahlen 2006 nun wieder eine rot-schwarze Regierung gebe. Die Waldheim-Affäre habe wohl einen nachhaltigeren Einfluss auf Österreichs Entwicklung gehabt als das schwarz-blaue Zwischenspiel, vermutet Beller, der zugleich vor Instant-Beurteilungen warnt.

1848 hätte etwa ein Historiker glauben können, dass in Österreich "nun eine liberale Verfassung und eine konstitutionelle Monarchie kommt. Ein Jahr später war alles anders: Es war der Anfang des Neo-Absolutismus." (Erhard Stackl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 3. 2007)

Steven Beller: "Geschichte Österreichs", Böhlau-Verlag 2007, 314 Seiten, 29,90 Euro.
  • Kritischer Chronist Österreichs: Steven Beller.
    foto: privat

    Kritischer Chronist Österreichs: Steven Beller.

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