Das Hohe Haus soll flacher werden

26. April 2007, 20:28
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Der Umbau stockt, derzeit streitet man über die Kosten - Barrierefrei soll’s in jedem Fall werden, strittig ist der Umfang - mit Grafik

Der Umbau des Nationalratssitzungssaales stockt. Derzeit streitet man über die Kosten: Umbauarbeiten von 39,7 Millionen Euro – plus 30 Prozent Kostenüberschreitungen und Mehrwertsteuer – sind im Gespräch. Barrierefrei soll’s jedenfalls werden. Strittig ist der Umfang.

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Wien – Wie wichtig ist ein angenehmer Arbeitsplatz für die Qualität der Arbeit! Wenn die abgewetzten Sessel im Nationalratsplenum auf die parlamentarische Tätigkeit rückschließen lassen, wäre es höchste Zeit für die lang geplante Neugestaltung des politischsten aller Arbeitsplätze. Am Montag hat Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ) einen neuen Anlauf unternommen. Dass die Umbaukosten bis zu 63 Millionen Euro betragen könnten, führte jedoch erneut zur Vertagung.

Nun wird im von allen Fraktionen besetzten Baukomitee noch einmal erwogen, ob man 23 Millionen Euro für den Saalumbau, 8,5 Millionen für den Umbau des Reichsratssitzungssaals als Provisorium plus weitere 8,2 Millionen für den Ausbau des Dachbodens über diesem Saal für 450 Quadratmeter Büros ausgeben will. Dies alles mit einem Kostenspielraum von 30 Prozent und exklusive Mehrwertsteuer.

Das Bundesdenkmalamt hat für die Umbaupläne der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) bereits grünes Licht gegeben. Spätestens wenn diese nach dem geplanten Architekturwettbewerb konkret werden, will sich Wilhelm Rizzi vom Bundesdenkmalamt aber wieder einschalten. Dabei sind durchaus massive Veränderungen der Bausubstanz geplant: Geht es nach Präsidentin Prammer, steht die Barrierefreiheit im Zentrum jeder Neugestaltung.

„Sowohl der Zuseher- als auch der Plenarbereich müssen behindertengerecht sein“, ist sich auch Behindertenanwalt Herbert Haupt im Gespräch mit dem Standard sicher. Und dafür muss die Saalneigung abgeflacht werden, was eine Erweiterung bis hinein in die hinter dem Plenum liegenden Couloirs bedeutet.

Dass der Zweite Nationalratspräsident, Michael Spindelegger, sich ausgerechnet dagegen verwehrt, will Prammer nicht akzeptieren. „Die Barrierefreiheit gibt es nicht umsonst“, wehrt sich auch Haupt gegen jegliches Kostenargument.

Für zwei Jahre in den Reichsratssitzungssaal

Spindelegger macht sich für einen weniger massiven Umbau stark: Natürlich müsse der Sitzungssaal flacher gestaltet werden, um für Rollstuhlfahrer besser geeignet zu sein – aber den Platz dafür könne man mit wesentlich geringeren als den verplanten Kosten und mit einer geringeren Bauzeit erreichen. Spindelegger: „Ich halte es nicht für sinnvoll, den Reichsratssitzungssaal mit Millionenbeträgen zum provisorischen Nationalratssitzungssaal umzubauen, dort zwei Jahre lang zu tagen, um nach der Rückübersiedelung wieder den historischen Zustand herzustellen.“Wenn man den Umbau in einem Sommer durchziehe, brauche man das Ausweichquartier nicht so lange zu nutzen und könne sich auf die nötigsten Sanierungen beschränken.

Für Prammer hätte die „Maximalvariante“ inklusive Dachbodenausbau den Vorteil, dass damit die Außenanmietungen überflüssig werden. Minimalvariante seien jedenfalls 23 Millionen Euro (ohne Ausweichquartier).

Zum Vergleich: Der Parlamentsumbau samt Neugestaltung des Eingangsbereiches, dem sich Ex-Nationalratspräsident Andreas Khol mit Verve gewidmet hatte, kostete statt der ursprünglich budgetierten 13 Millionen letztlich 30 Millionen Euro. Auch Khol forderte immer einen barrierefreien Plenarsaal. Heute will sich der Seniorenbundobmann nicht mehr zu den koalitionären Baukonflikten äußern. (Karin Moser, Conrad Seidl/DER STANDARD, Printausgabe, 27. März 2007)

  • Steiler Saal aus dem Jahr 1956: Umbau für Rollstuhlfahrer.
    foto: der standard/cremer

    Steiler Saal aus dem Jahr 1956: Umbau für Rollstuhlfahrer.

  • Artikelbild
    grafik: cremer
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