Jetzt gibt es wieder Brösel

24. März 2007, 17:00
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Ein Ottakringer Heuriger wurde renoviert und zu einem Wirtshaus umgemodelt, in dem mehr als ordentlich gekocht wird - das Gebäck aber erinnert fatal an überwunden geglaubte Zeiten

Irgendwann vor langer Zeit wurde das bessere österreichische Wirtshaus neu erfunden und, wie man so sagt, verfeinert. Statt der bisher für den Nationalcharakter als unverzichtbar geltenden Suppe durfte es plötzlich auch eine konsistente Vorspeise sein, was sich in allerlei Pastetchen, Parfaits, Sulzen und anderen mittels Gelatine verfestigten Suppen und Pürees manifestierte. Auch sonst gab es Änderungen: Das Wort "mit" wurde aus dem Speisekartendeutsch gestrichen und durch "auf" oder, weit besser, "an" ersetzt. Das fiel nicht gleich auf, weil die Karten dieser Zeit eng und in verschnörkelter Handschrift geschrieben sein mussten, was unheimlich kreativ aussah und nur in Ausnahmefällen lesbar war. Die augenfälligste Neuerung dieser lang vergangenen Periode aber war ein Schriftzug, welcher, diesfalls deutlich, auf den Servietten der "Körberln" prangte: "Resch & Frisch". Damit wurde darauf hingewiesen, dass das Gebäck, das in jener Zeit unbedingt mit allerhand Aufstrichen, aber ja nicht mit Butter aufgetragen werden durfte, frisch aus dem Tiefkühler kam und nur kurz aufgebacken werden musste, um resch zu Tisch zu kommen. Theoretisch.

Tatsächlich aber entwickelte nämliches Gebäck nach kaum fünf Minuten die Eigenart, beim Anbeißen oder Teilen zu zerfallen: in die Kruste einerseits, die sich in scharfkantigen Großbröseln in den Gaumen bohrte und die frappant an zaches Pappmaché erinnernde Krume anderseits. Mit ordentlich Topfenaufstrich rutschte auch das, so man nur hungrig genug war. Irgendwann freilich wurde die Frier&Back-Technologie so verbessert, dass das Ergebnis tatsächlich, wenn auch nur entfernt, an Gebäck erinnerte, worauf sie auch im Supermarkt Einzug hielt und über "Resch & Frisch" der gnädige Mantel des Vergessens gebreitet werden konnte.

"Resch & Frisch" – Körberl

Offenbar nicht konsequent genug, denn im neu eröffneten Wirtshaus "Alt Ottakring", das ansonsten ein durchaus gepflegter und sorgfältig bekochter Ort ist, tauchte besagtes "Resch & Frisch"-Körberl unvermutet aus der Versenkung auf. Womit wir eh schon beim Thema sind: Einst war das "Alt Ottakring" ein Heuriger, jetzt wurde es vom Mödlinger Gastronomen Florian Fritz ("Florians") und Partner Martin Krommer renoviert und als klassisches Wirtshaus mit ebensolcher Speisekarte eröffnet. In den weitläufigen Räumen sitzt es sich gemütlich, und auch die Küche macht durchaus Spaß.

Dass der kalte Schweinsbraten mit Kernöl-Marinade als "Carpaccio vom Spanferkelschopf" beschrieben wird, ist zwar ein matter Scherz, ansonsten gibt es wenig Grund zur Klage: Schlutzkrapfen in brauner Butter sind bissfest gekocht und wohl gefüllt, das Kalbswiener ist fein souffliert und von schulmäßig angemachtem Erdäpfelsalat begleitet, der Vanille-Rostbraten kommt rosa gebraten und mit fein geknofeltem Saftl zu Tisch, hat aber (Irrtum? Scherz?) eine Vanilleschote obenauf liegen. Feine Nachspeisen für jene, die trotz der großen Portionen noch Platz dafür haben. Wer vom Körberl nascht, weiß, worauf er sich einlässt, und hinterlässt einen massiven Bröselteppich. Keine Aufstriche. (Severin Corti/Der Standard/Rondo/23/03/2007)

Alt Ottakring
Ottakringer Straße 234
1160 Wien
Tel.: (01) 480 21 69
Mi-So, 11.30-14 und 17.30-21.30 Uhr
VS € 2,90-7,50 HS € 6,90-13,90

  • Wo früher ein Ottakringer Heuriger war, ist jetzt ein Wirtshaus mit Wiener Küche, großen Portionen und feinen Weinen, vor allem aus der Thermenregion.  Besonders empfehlenswert: Riesling Mitterwies vom Biegler, Gumpoldskirchen.
    foto: gerhard wasserbauer

    Wo früher ein Ottakringer Heuriger war, ist jetzt ein Wirtshaus mit Wiener Küche, großen Portionen und feinen Weinen, vor allem aus der Thermenregion. Besonders empfehlenswert: Riesling Mitterwies vom Biegler, Gumpoldskirchen.

  • Fotos: Gerhard Wasserbauer
    foto: gerhard wasserbauer
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