Wie bitte, was?

26. März 2007, 09:13
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Die Geräuschkulisse des Alltags ist zu laut. Werden wir bald ein Volk der Schwerhörigen sein? Die Hörgeräte-Hersteller rüsten sich und bieten vollautomatische Miniaturcomputer fürs Ohr.

Was Lärm im Inneren des Ohrs anrichtet, lässt sich gut mit einem Bild beschreiben: Ein verwüstetes Kornfeld nach einem Gewitter, vom Sturm abgebrochene Halme, ganze Abschnitte niedergemäht, das ist in etwa das, was Lärm mit den tausenden feinsten Haarzellen im Innenohr anstellt. Sie sind fürs Hören ganz entscheidend. Zwar verfügen die Hörsinneszellen über eine gewisse Regenerationsfähigkeit, doch sind sie einmal geschädigt, ist ihre Funktion unwiederbringlich verloren.

Der Verlust der Hörfähigkeit ist ein schleichender Prozess: Zuerst steigt die Schwelle, von der an ein Geräusch wahrgenommen werden kann, dann nimmt die Fähigkeit ab, hohe Töne zu hören, dabei gehen Zisch- und Knacklaute wie s und k verloren. Eine Zeit lang kann das Gehirn fehlende Laute noch kompensieren, doch irgendwann wird es für Betroffene schwierig, Gesprächen zu folgen.

Immer mehr Junge

"Schwerhörigkeit wird meist als Alterserscheinung angesehen, doch jüngere Menschen überschätzen oft ihre Hörfähigkeit", berichtet Peter Franz, Professor an der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten am AKH in Wien. Untersuchungen zufolge hat jeder Dritte Hördefizite, die die Folgen von Mittelohrentzündung oder Unfällen sein können.

Der einzig vermeidbare Risikofaktor ist die Lärmbelastung. Ab 85 Dezibel ist Lärm schädlich, in Discotheken werden nicht selten Schallpegel bis zu 140 dB gemessen. Auch die Dauer der Lärmbelastung ist ein Faktor, wer mit Kopfhörern über mehrere Stunden bei 85 dB Musik hört, tut sich nichts Gutes, am Arbeitsplatz gelten bei dieser Intensität bereits Lärmschutzbestimmungen, die einen Hörschutz erfordern. "Wir befürchten bei etwa zehn Prozent der Jugendlichen in den kommenden Jahren nachweisbare Hörverluste von 10 dB", prognostiziert Franz.

Ab Hörverlusten von 30 dB können nur noch Hörgeräte die Defizite wettmachen. "Die klobigen, beige-braunen Geräte, die damals hinter dem Ohr getragen wurden, sind heute volldigitale Hörcomputer, die von außen kaum noch sichtbar sind", erklärt Christian Pelzmann, Hörakustik-Entwickler von Neuroth, und weiß, dass die zunehmend jüngeren Kunden vor allem auf den kosmetischen Aspekt der Hörhilfen achten. Dementsprechend sind heute sowohl IO-Geräte (Im-Ohr-Geräte) als auch die HdO-Geräte (Hinter-dem-Ohr-Geräte) so unauffällig wie möglich gestaltet.

Die drei grundlegenden Funktionen der Hightech-Geräte: ein Rückkoppelungs- und Auslöschungssystem, das lästiges Piepsen bei Frequenzstörungen automatisch verhindert; eine Störlärmunterdrückung, die bestimmte Geräusche, zum Beispiel Straßenlärm oder Wind, leiser und damit Sprache verständlicher macht; und die Zweimikrofon-technik mit integriertem Richtmikrofon, die Geräusche in Blickrichtung des Hörgeräte-Trägers verstärkt und damit in Restaurants die Kommunikation erleichtert.

"Dank der winzigen Chips, der immer stärkeren Prozessoren und der zunehmend ausgefeilten Algorithmen wurden in den letzten drei Jahren große Fortschritte in der Hörakustik erzielt", berichtet Stefan Blum vom Marktführer der Hörgeräte-Hersteller, Phonak, in Österreich unter dem Handelsnamen Hansaton vertreten. "Jeder Mensch hat eine individuelle Psychoakustik, auf die sich die Geräte einstellen lassen und sich dann jeder Situation entsprechend vollautomatisch anpassen", erklärt Blum. Dank eines speziell entwickelten Programms erkennt Phonaks Hörgerät Savia sogar so komplexe Hörerlebnisse wie Musik und erlaubt es Hörgeschädigten, ein Orchesterkonzert wieder als Genuss wahrzunehmen. "Mit Technik und präzisen Werkzeugen zur Anpassung von Hörsystemen wollen wir verschiedene Hörwelten für Hörgeschädigte wieder erlebbar machen", sagt Blum.

Woran die Branche heute arbeitet? Kommunikation in schwierigen Situationen, etwa in lauten Bars mit vielen Menschen und Musik zu verbessern, die Verbindung zu anderen Medien wie Mobiltelefonen herzustellen und den Tragekomfort zu optimieren. Das Hörgerät Verve hat eine integrierte Stimme, die meldet, wenn die Batterie ausgeht.

Doch Phonak setzt mit der Initiative "Hear the world" auch auf Prävention und will Hören, Schutz des Hörens und Hörverlust verstärkt zum Thema einer öffentliche Diskussion machen. (DER STANDARD, Printausgabe, Karin Pollack, 26.3.2007)

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    Hörverlust ist ein schleichender Prozess. Der Verlust der Kommunikationsfähigkeit endet oft in der Isolation.

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