Handel putzt sich heraus

30. Juli 2007, 13:29
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Die Entlohnung im österreichischen Einzelhandel ist gering, die Arbeitszeit unregelmäßig. Gute Leute zu finden ist daher schwierig

Wien - Der Einzelhandel kämpft mit dem schlechten Image seiner Lehrstellen. Die Entlohnung ist bescheiden, die Arbeitszeiten sind unregelmäßig, die Samstagsdienste unvermeidbar und - auch das zählt in Österreich - die Möglichkeiten zu Pfuschen gering. Folge: Der Handel bekommt nicht immer die guten Leute, die er will. Und daher will er auch nicht mehr zahlen. "Es ist ein Teufelskreis, da beißt sich die Katze in den Schwanz", sagt Andreas Kolm, Jugendsekretär in der Gewerkschaft der Privatangestellten.

Wer gute Noten hat, suche sich lieber Lehrstellen, mit denen sich mehr verdienen ließe. Vielen Jobs hängt das Bild einer reinen Realgeschichte nach. Die Fluktuation in der Branche ist anhaltend hoch.

Doch immer mehr Handelsketten finden Auswege. Der Diskonter Hofer startete 2002 mit eigener Ausbildung. Mittlerweile zählt die Lebensmittelkette in Österreich rund 260 Lehrlinge und schöpft aus einem tiefen Pool an Bewerbern. Das Rezept: Der Konzern zahlt den Jugendlichen überdurchschnittlich hohe Lehrlingsentschädigungen und bildet sie parallel zur Berufsschule mit externen Fachleuten aus.

Hofer suche sich seine Lehrlinge sehr genau aus, sagt Geschäftsführer Friedhelm Dold, und vernünftige Noten seien eine der Voraussetzung dafür. Dold: "Wir wollen keine billigen Hilfskräfte." Ziel sei, allen Nachwuchs aus eigenen Reihen zu rekrutieren. Dem Mutterkonzern Aldi gelinge das in einigen deutschen Regionen.

Spar nimmt jedes Jahr 900 neue Lehrlinge auf und zählt zu den größten Ausbildnern in Österreich. Eine höhere Lehrlingsvergütung sei nicht alles, sagt Sprecherin Nicole Berkmann. Auch Spar generiere unter den Lehrlingen künftige Führungskräfte, biete Zusatzausbildungen und Prämien.

Rewe kommt insgesamt auf 900 bis 1000 Lehrlinge - und verspricht wie die Konkurrenz gezielte Förderungen von Talenten und Aufstiegschancen.

Alles in allem bildet Österreichs Handel 18.900 Lehrlinge aus, das sind um 3,3 Prozent mehr als 2006. Die Zahl der Jugendlichen, die Lehrplätze suchen, überwiegt die Zahl der offenen Stellen. Für die Betriebe sei es dennoch schwierig, geeignete Leute zu finden, sagt Peter Zeitler von der Bundessparte Handel in der Kammer. Dass die meisten die geringe Lehrlingsentschädigung von rund 400 Euro im ersten Jahr abhält, glaubt Zeitler nicht. "Der KV ist nicht der höchste, aber es gibt viel Überzahlung."

"Geschützt wie Eichen"

Die Anforderungen steigen, auch längere Ladenöffnungszeiten schrecken ab. Die Jugend brauche daher mehr Motivation, sagt Annemarie Müller, Schirnhofer-Betriebsrätin. Der Feinkost-Spezialist bildet in Filialen rund 70 Lehrlinge aus und mache ihnen die Ausbildung mit zahlreichen Extras schmackhaft. Nicht immer glücklich ist Müller mit der strengen Kündigungsregelung. "Manche fordern es gerade heraus, weil sie wissen, sie sind geschützt wie 1000-jährige Eichen." Bäckereifilialist Gerhard Ströck sieht darin keine Hürde. "Nach drei Monaten weiß man ja, was los ist."

Ströck beschäftigt 60 Lehrlinge. Am liebsten seien ihm Ausländer. Diese seien "vif" und könnten besser Kopfrechnen als viele österreichischen Hauptschulabsolventen. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.03.2007)

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