Der (Über-)Hang zum Mittelmaß

Redaktion, 25. März 2007, 18:41
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    foto: diagonale

    Erwachsen werden im Kino: Michael Sauseng und Angelika Schneider in Jakob M. Erwas erstem Langfilm "heile welt".

Ein eher flaues, von produktiven Schwerpunkt-Setzungen überraschend freies "Festival des österreichischen Films"

Graz - Der stille Herr und gute Geist der Diagonale, das ist seit Jahren Herr Manfred. Er ist Barkeeper im Hotel Erzherzog Johann. Bei ihm traf sich auch heuer nächtens jeder und jede, die über Film, Filmpolitik und andere wichtige Dinge plaudern wollten. Konsumiert wurde dabei bevorzugt eine Kreation des Herrn Manfred, der so genannte Kalaschnikow: Ein tückisch kleiner Drink, in dem beim Servieren Kaffeelikör, Limettensaft und Wodka unvermischt übereinander lagern, um dann, in einem Schluck genossen, gemeinsam die Geschmacksinne in freudige Erregung zu versetzen.

Der Kalaschnikow - Beispiel einer Synthese, der vorher eine kluge Bestandsaufnahme bester Ingredienzien vorausging: Ein Vorbild für Veranstaltungen wie die Diagonale, bei denen es ebenfalls darum geht, ein Gesamtflair zu kreieren, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Das ist heuer nur bedingt gelungen.

Es war nur bedingt auszumachen, wo Intendantin Birgit Flos das Pflichtprogramm und wo sie die Glanzpunkte sah. "Diesen Film haben wir uns gewünscht", sagte sie etwa zur Einleitung einer ORF-Gala für Susanne Freunds konventionelle TV-Doku Big Alma, in der einander verdoppelnde Bilder und Kommentare zum Leben und Lieben der Alma Mahler-Werfel die Kinoleinwand nicht rechtfertigten.

Hommage an Suschitzky

Gleichzeitig wurde mit der Hommage an den 1912 in Wien geborenen Kameramann Wolf Suschitzky ein Ereignis "verschenkt", das jedes andere Filmfestival für wirkliche Galas genutzt hätte: Suschitzky, der unter anderem den britischen Thriller-Klassiker Get Carter mit Michael Caine fotografierte, war ein bezaubernder Präsentator seiner Arbeit: Um 11 Uhr morgens im Augarten-Kino wurde das leider zu wenig gewürdigt. Ebenfalls viel zu lapidar an den Rand gedrängt: Eine Präsentation von Wiener Filmakademie-Arbeiten, mit der Studenten darauf aufmerksam machen wollten, dass an ihrem Institut infolge Geldmangels wiederholt wesentliche Übungen und Arbeiten abgesagt werden müssen.

Stattdessen, auch wenn am Ende mit Jakob M. Erwas Debütfilm heile welt und Peter Schreiners Dokumentarfilm Bellavista durchaus würdige Hauptpreisträger gefunden werden konnten (siehe Artikel rechts): viel Mittelmaß in zum Teil nur halbvollen Kinos (Gesamtauslastung knapp unter 60 Prozent). Gleich sieben Experimentalfilmprogramme in der Hauptschiene, in denen die Unterscheidung zwischen Fingerübungen und Avantgarde kaum augenfällig wurde.

Schmied zur Filmförderung

Unterdessen im Space 04 im Kunsthaus Graz: "Ich bin Zeuge eines Paradigmenwechsels in der Kulturpolitik", freute sich Filmproduzent Alexander Dumreicher-Ivanceanu (Amour Fou) am Podium der letzten Diagonale-Diskussion am Samstag. Dort konnten Filmschaffende der Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) ihre Bedürfnisse näher bringen. Einig waren sich am Podium auch Birgit Flos, Regisseur Stefan Ruzowitzky (Die Fälscher), Elisabeth Scharang (sie zeigte in Graz Meine liebe Republik, eine großartige Dokumentation über das Spiegelgrund-Opfer Friedrich Zawrel) oder Filmmuseumdirektor Alexander Horwath, dass eine Erhöhung der "fürchterlich vernachlässigten" Filmförderung des BKA anstehe. Schmied signalisierte einmal mehr: Es werde eine "substanzielle Erhöhung des Filmbudgets" geben und man werde sich "Content-Flat-Abgaben" von Ländern wie Frankreich, Polen oder Dänemark ansehen. Auch das Stiftungsvermögen, das in Österreich immerhin 50 bis 60 Milliarden Euro beträgt, will sie anzapfen: "Da müssen wir an den Stiftungsgedanken im Sinne des Mäzenatentums erinnern."

Jetzt noch eine schlechte Nachricht: Herr Manfred geht demnächst in Pension ... (Claus Philipp, Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Printausgabe, 26.3.2007)

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    Wirklich berückend ist eine Gesamtauslastung von knapp 60 Prozent bei der Diagonale nicht - Von Claus Philipp

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Kommentar posten
23 Postings
Herbert Mera
01
Lös(ch)en

Mit dem Löschen meines auf Fakten beruhenden Postings werden per Habitus Austriacus wohl auch alle brennenden Probleme der Diagonale gelöst sein. Das auffällige ausbleiben internationaler Besucher, die von jeder und jedem (halbwegs fachlich interessierten only - sorry) geäußerte heftige Kritik zum Programm, den fehlgeleiteten Geldern, die schwer überbietbare Ungastlichkeit usw. Alle wissen, sagen es hinter vorgehaltener Hand: diese Leitung ist mehrdimensional unfähig. Aber - Aussitzen! Nur nicht drüber reden (machma nur, wenn’s Politik betrifft)! Und hoffen, dass nachher wer kommt und das wieder aufbaut, was in zwei Jahren abgefackelt wurde. Wir wünschen gute Projektion!

Throw Up
01
probleme lös-ch-en

diagonale war 1 tag länger = NLP. klartext: war so lang wie vor 2006. crew unterbezahlt und grossteils filmfremd. einige filmerInnen schon vorher vergrätzt und darum abwesend. voller sparkurs bei gleichem budget. wer verdient da?

der Weini
03
28.3.2007, 15:58

da scheint ja einiges am überlaufen zu sein. bleibt zu hoffen, daß sich die verantwortlichen die postings auch anschaun. hinter jeder kritik steckt auch (zumindest ein körnchen) wahrheit.

bereit
00
27.3.2007, 23:40

für mich als kinobesucher waren die preise wohl das unwichtigste. schade nur, dass alle die keine preise erhalten haben mit null nach hause gehen. da sollte man was ändern.

von mir aus könnt jedes woe ein filmfestival in einer stadt von sagen wir umkreis 300 km sein. die oebb würde das aber noch peinlicher dastehen lassen. die züge waren total überfüllt und extrem verspätet. würde wohl die co2 belastung am woe verdammt erhöhen.
;-)

fräsersatz
14
27.3.2007, 07:52
persönliche entscheidung

wenn die filmauswahl persönlich entschieden wird, sollten frau flos und herr testor bald anderen persönlichkeiten platz machen. wenn schon intendantenfestival dann alle zwei drei jahre einen wechsel der intendanz. dann haben anders gestrickte filme auch eine chance.

milo66
01
27.3.2007, 13:14

Frau Flos schaut sich (angeblich!) alle Filme persönlich an und wählt auch alle Filme, die gezeigt werden, persönlich aus. Wie das mit einer Einreichfrist bis Anfang Jänner gehen soll, ist mir allerdings nicht ganz klar - die muss praktisch 24 Stunden am Tag Filme sichten, in den 6 Wochen oder so, die sie dafür zeit hat!

say cheese
10
26.3.2007, 16:56

war 2 tage dort und mir hats gefallen
zb: il palazzo, pool level 175, 5 1/2 roofs...
dankeschön

hermann sommer
10
26.3.2007, 16:22
die kurzfilmprogramme

waren katastrophal, als eines der wenigen highlights erinnere ich mich an "keynote" von den fordbrothers.
ansonsten abstrakte finsternis oder peinliche körperübungen, beides dann sogar prämiert !
die kurzfilmschiene gehöt um mindestens 50 - 80% gekürzt ... sonst schadet man den guten arbeiten !

milo66
01
26.3.2007, 15:46

Die Morak'sche Gegendiagonale hat es zwar gottseidank nie gegeben, aber die zurecht konstatierte Stagnation liegt mit Sicherheit nicht zuletzt an der Intendantin, die sich viel stärker als ihre VorgängerInnen Dollhofer und Wulff mit dem schicki-micki-Szene in der Filmbranche identifiziert. Im Gegensatz zu den beiden ist Birgit Flos einfach keine Intellektuelle: Wenn das wichtigste, wenn nicht einzige Kriterium für Filme ist, "soo berührend" zu sein (z.B. Michael Moores "Fahrenheit 9/11"), und es für das Rahmenprogramm der Diagonale das Wichtigste ist, dass die Leute "abtanzen können" (und nicht etwa über Film diskutieren), dann ist das alles halt etwas wenig. Und besser wird da 2008 sicher nichts, die Frau ist einfach ausgebrannt!

derfilmfilm
03
27.3.2007, 14:12
"diesen film haben wir uns gewünscht"

putzig, nicht? die zappelt im netz aus ORF, beirat & generalversammlung. Amour Fou hat die meisten filme, Ponger eine werkschau. Testor serviert jausenbrot im sackerl - superfete! am horizont lauert der GROSSE ÖSTERREICHISCHE FILMPREIS - ein `event´, das dann ORF und produzenten alleine gehört und ohne lästige (schein-)demokratie abgehen kann.

fräsersatz
00
27.3.2007, 07:59

intellektuell ist sie schon, ausgebrannt überhaupt nicht, die wirkt schon noch. aber: sie entscheidet nach persönlichem geschmack, deshalb sollte sie nun anderen platz machen. oder mit jurys entscheiden wegen der vielfalt.

rosa o
42
26.3.2007, 15:07
danke

für die schöne diagonale!
danke an alle filmemacherInnen für die inspirierenden filme!

dr.no3
00
26.3.2007, 11:22
gibts die diagonale überhaupt noch

ist das nicht die moraksche kommerz gegendiagonale

fernseher
02
26.3.2007, 11:48
moraksche kommerz gegendiagonale

Miroljub Vuckovic - weiland Moraks intendant in spe - wandelte (vielleicht sogar als gast der diagonale) durch Graz - das liebesfest des österreichischen films und seiner protagonisteInnen ist zu einer lieblos bereiteten zusammenkunft einiger unverzagter optimistInnen verkommen und die schmerzlich spürbare abwesenheit vertrauter filmmenschen schuf eine insgesamt deprimierende atmosphäre, gegen die auch kein marketingspeak der festivalleitung mehr hilft.

super1
22
25.3.2007, 23:33

wahrscheinlich haben der autor und einige andere "expertInnen" zu sehr den geistreichen gaben des herrn manfred gefrönt, statt kurz einmal bei z.b. dem programm "koloniale träume - autonome zonen" im forum stadtpark vorbeizuschauen. ist vielleicht auch ein bisschen zu hoch gewesen. oder zu weit weg?

fernseher
15
25.3.2007, 21:04
lieblosigkeit & chaos

programm & preise sind sache von intendanz & jury - ist zu respektieren. organisation, protokoll, programmierung, umgang mit filmschaffenden etc waren aber tw fahrlässig dilletantisch und haben vermutlich manche davon abgehalten zu diesem ehemaligen fest(ival) des österr. films zu kommen. bewusstes einschränken kostenloser akkreditierungen für filmschaffende (zur erinnerung: filmschaffende & produzenten sind jene, die ihre arbeiten dem festival gratis zur verfügung stellen) hat nicht den vermutlich damit beabsichtigten zuwachs bei den kaufkarten gebracht, dafür aber einigen frust im vorfeld der Diagonale. das monierte mittelmass hat eher mit der filmauswahl zu tun, als mit dem fehlen guter produktionen im letzten jahr.

S Enders
65
25.3.2007, 19:49
aber die entscheidungen für den eröffnungsfilm

und die beiden hauptpreise sind diesmal kein griff ins klo wie früher so oft (das dilettantische eröffnungsdesaster "auswege" von nina kusturica oder der wild umstrittene hauptpreis für "jedermanns fest" von fritz lehner). für einen jungen regisseur wie markus erwa ist so ein preis wichtig. obwohl stefan ruzowitzky unverdienterweise leer ausgegangen ist.

leon76
22
27.3.2007, 10:06

es gab zwar kritik für 42plus,
aber neben den früheren eröffnungsfilmen
kann sich derflingers film ruhig sehen lassen

Martin Gradl
12
26.3.2007, 13:43
ruzowitzky hat einen preis

für das beste drehbuch
bekommen. auswege war ein vollsch... darüber wurde
in der filmakademie auch viel diskutiert, aber jedermanns
fest war nicht so übel, der lehner war so überzeugt wie
ed wood.

hulkjr
12
26.3.2007, 15:41
lehner

überzeugt wie ed wood :-)))
dafür sollten sie einen golden globe erhalten !
ja, das war wirklich so: er hat dann noch endlos referiert wie toll der ton auf 100 (hundert !) spuren gemischt wurde und wie einzelne teile des films an verschiedenen orten gefreht wurde (schloss und gartenhaus) und als zusammengehörig im film wirken (sollen) (was leider nicht recht funktionierte) der arme mann ist jetzt völlig im off !

Franz Antel
00
27.3.2007, 15:16
jedermanns fest...

ist zwar ein schwacher film, keine frage. trotzdem muss man festhalten, finde ich, dass fritz lehner einer der - wenn nicht der - unterschätzteste filmemacher österreichs ist.

Mike Rodut
40
26.3.2007, 11:53
diagonale ist immer super

die preise sind immer so eine geschichte...
der geschmack der jury ist entscheidend und nicht die allgemeine gerechtigkeit.
auswege war ein toller, berührender film - wie ich mich erinnere, gab es bei der eröffnung minutenlang standig ovations...
und wen interessiert schon was für ein film vor sieben jahren den preis bekommen hat und was sie davon halten...
diagonale ist immer super

der Weini
00
28.3.2007, 16:01

dein posting ist wirklich unnötig.

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