Der (Über-)Hang zum Mittelmaß

25. März 2007, 18:41
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Ein eher flaues, von produktiven Schwerpunkt-Setzungen überraschend freies "Festival des österreichischen Films"

Graz - Der stille Herr und gute Geist der Diagonale, das ist seit Jahren Herr Manfred. Er ist Barkeeper im Hotel Erzherzog Johann. Bei ihm traf sich auch heuer nächtens jeder und jede, die über Film, Filmpolitik und andere wichtige Dinge plaudern wollten. Konsumiert wurde dabei bevorzugt eine Kreation des Herrn Manfred, der so genannte Kalaschnikow: Ein tückisch kleiner Drink, in dem beim Servieren Kaffeelikör, Limettensaft und Wodka unvermischt übereinander lagern, um dann, in einem Schluck genossen, gemeinsam die Geschmacksinne in freudige Erregung zu versetzen.

Der Kalaschnikow - Beispiel einer Synthese, der vorher eine kluge Bestandsaufnahme bester Ingredienzien vorausging: Ein Vorbild für Veranstaltungen wie die Diagonale, bei denen es ebenfalls darum geht, ein Gesamtflair zu kreieren, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Das ist heuer nur bedingt gelungen.

Es war nur bedingt auszumachen, wo Intendantin Birgit Flos das Pflichtprogramm und wo sie die Glanzpunkte sah. "Diesen Film haben wir uns gewünscht", sagte sie etwa zur Einleitung einer ORF-Gala für Susanne Freunds konventionelle TV-Doku Big Alma, in der einander verdoppelnde Bilder und Kommentare zum Leben und Lieben der Alma Mahler-Werfel die Kinoleinwand nicht rechtfertigten.

Hommage an Suschitzky

Gleichzeitig wurde mit der Hommage an den 1912 in Wien geborenen Kameramann Wolf Suschitzky ein Ereignis "verschenkt", das jedes andere Filmfestival für wirkliche Galas genutzt hätte: Suschitzky, der unter anderem den britischen Thriller-Klassiker Get Carter mit Michael Caine fotografierte, war ein bezaubernder Präsentator seiner Arbeit: Um 11 Uhr morgens im Augarten-Kino wurde das leider zu wenig gewürdigt. Ebenfalls viel zu lapidar an den Rand gedrängt: Eine Präsentation von Wiener Filmakademie-Arbeiten, mit der Studenten darauf aufmerksam machen wollten, dass an ihrem Institut infolge Geldmangels wiederholt wesentliche Übungen und Arbeiten abgesagt werden müssen.

Stattdessen, auch wenn am Ende mit Jakob M. Erwas Debütfilm heile welt und Peter Schreiners Dokumentarfilm Bellavista durchaus würdige Hauptpreisträger gefunden werden konnten (siehe Artikel rechts): viel Mittelmaß in zum Teil nur halbvollen Kinos (Gesamtauslastung knapp unter 60 Prozent). Gleich sieben Experimentalfilmprogramme in der Hauptschiene, in denen die Unterscheidung zwischen Fingerübungen und Avantgarde kaum augenfällig wurde.

Schmied zur Filmförderung

Unterdessen im Space 04 im Kunsthaus Graz: "Ich bin Zeuge eines Paradigmenwechsels in der Kulturpolitik", freute sich Filmproduzent Alexander Dumreicher-Ivanceanu (Amour Fou) am Podium der letzten Diagonale-Diskussion am Samstag. Dort konnten Filmschaffende der Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) ihre Bedürfnisse näher bringen. Einig waren sich am Podium auch Birgit Flos, Regisseur Stefan Ruzowitzky (Die Fälscher), Elisabeth Scharang (sie zeigte in Graz Meine liebe Republik, eine großartige Dokumentation über das Spiegelgrund-Opfer Friedrich Zawrel) oder Filmmuseumdirektor Alexander Horwath, dass eine Erhöhung der "fürchterlich vernachlässigten" Filmförderung des BKA anstehe. Schmied signalisierte einmal mehr: Es werde eine "substanzielle Erhöhung des Filmbudgets" geben und man werde sich "Content-Flat-Abgaben" von Ländern wie Frankreich, Polen oder Dänemark ansehen. Auch das Stiftungsvermögen, das in Österreich immerhin 50 bis 60 Milliarden Euro beträgt, will sie anzapfen: "Da müssen wir an den Stiftungsgedanken im Sinne des Mäzenatentums erinnern."

Jetzt noch eine schlechte Nachricht: Herr Manfred geht demnächst in Pension ... (Claus Philipp, Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Printausgabe, 26.3.2007)

  • Erwachsen werden im Kino: Michael Sauseng und Angelika Schneider in Jakob M. Erwas erstem Langfilm "heile welt".
    foto: diagonale

    Erwachsen werden im Kino: Michael Sauseng und Angelika Schneider in Jakob M. Erwas erstem Langfilm "heile welt".

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