Herzschmerz im Fingertakt

3. April 2007, 18:02
3 Postings

Die US-Band The Blow überzeugte beim zweiten Wiener Gravity-Festival

Wien - Schon im Vorjahr trat das Gravity-Festival an, um neues Publikum ins Wiener Planet Music zu locken. Dieser Konzertkeller steht hauptsächlich für Hard Rock und Heavy Metal, beides in provinzieller Ausrichtung, und wird in den kommenden Wochen mit deutschen Rap-Acts wie Fler oder Sido auch eher kein intellektuelles Klientel anlocken. Mit seiner breiten Independent-Music-Programmierung konnte das Festival zwar medial für Aufsehen sorgen, allerdings blieb der Andrang trotzdem unter den Erwartungen, und nicht einmal wohlbekannte Bands wie The Futureheads füllten die Halle. Ein Bild, das sich am Samstag, dem letzten von drei Festivaltagen, wiederholte.

Da die schwedischen Quit Your Dayjob abgesagt hatten, begann der Konzertabend mit A Thousand Fuegos. Die Wiener Band, die das Hymnische in den Songs betont, überzeugte auch auf der großen Bühne. Das Debüt Like Big Black Clouds Through Burning Eyes kommt in Kürze und die Band um Matthias Peyker dann hoffentlich öfter zu derlei Auftritten. Weniger retro als ganz einfach hängen geblieben wirkten die danach spielenden britischen The Debrettes: Rock mit Frontfrau und Kriegsbemalung, theaterhaft übertriebenen Bewegungen und Lyrics, die gerne Worte wie "Love", "Hate", "War" oder "Peace" auf sehr bescheidene Art verbanden.

Robotertanz

Die meisten Anwesenden waren aber sowieso gekommen, um den Auftritt von The Blow zu sehen. Deren Frontfrau Khaela Maricich aus Portland, Oregon, spielte Karaoke-Versionen ihrer Songs, machte dem Publikum den Robotertanz und überzeugte nicht nur durch ihre charmante Erscheinung und ungekünstelte Performance. Sogar die Instrumentalpassagen des Auftritts nützte sie, um dem Publikum zu erklären, worum es ihr ging, und Geschichten über die Hintergründe ihrer Songs zu erzählen. Zusammengefasst: "How fucked up my heart is."

Liebeslieder, die mehrheitlich vom unerreichbaren Gegenüber handeln. Die Anwesenden waren schnell gebannt, und wenn zu einem Song kein Lo-Fi-Elektronica-Instrumental vorhanden war, reichte auch ein auf das Mikrofon tippender Finger, um den Takt vorzugeben.

Damit erinnerte sie an Miranda Julys Videokünstlerin Christine Jesperson in dem Film Me And You And Everyone We Know und die US-Künstlerin Kristin Erickson alias Kevin Blechdom: ein großartiger Auftritt!

Danach trat noch Martin Gretschmann alias Console mit Band auf, doch den Sounds und Strukturen fehlte vieles, und sein Konzert wirkte, als würde Gretschmann versuchen, mit seinem Elektro-Pop bei anderen Stilrichtungen - von Post-Rock bis Drum 'n' Bass - anzudocken.

Zwischen "kennt man alles schon" und "funktioniert trotzdem"

Wenn das Präsentierte ein brauchbarer Hinweis auf sein bald erscheinendes neues Album war, dürfte dieses ein Kandidat für die Rubrik "Egalstes Album 2007" werden.

Bevor zum Ausklang das weibliche Song-Abspiel-Duo LessTalkMoreRock die wenigen Verbliebenen mit aktuellen Indie-Hits versorgte, traten noch die Duels aus Großbritannien auf. Gerade angesagte Gitarrenmusik zwischen "kennt man alles schon" und "funktioniert trotzdem". Das Quintett spielte erwartungsgemäß energetisch, was auch dringend notwendig war, da dank eher miesem Sound diverse Feinheiten für das Publikum ohnehin nicht hörbar waren. (Martin Mühl/DER STANDARD, Printausgabe, 26.3.2007)

  • Khaela Maricich von The Blow beim Biss in die mentale Zitrone: "How fucked up my heart is!"
    foto: standard/newald

    Khaela Maricich von The Blow beim Biss in die mentale Zitrone: "How fucked up my heart is!"

Share if you care.