Nichts für Klaustrophobiker

25. März 2007, 18:19
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Ein Autorenfestival zum Anfassen, ambitionierte junge Verlage, immer mehr Hörbücher - und ein neuer Besucherrekord

Leipzig - L wie Leser. L wie Leipzig. L wie "Leipzig liest". Auch dieses Jahr stellte die Leipziger Buchmesse, die kleinere, aber traditionsreichere Schwester der großen Frankfurter Herbstmesse, wieder einen Besucherrekord auf. Schon im Vorfeld wurden stolz die Zahlen verkündet: 2348 Aussteller! Aus 63 Ländern! 1500 Autoren! 1900 Veranstaltungen! Dichterlesungen nicht nur in fast jeder Ecke in den fünf Hallen am Stadtrand, sondern überall in der Stadt. Im Zoo. Im Museum. In Kaffeehäusern, Schulen, Beisln, Off-Kneipen.

Leipzig ist mehr denn je ein Autorenfestival zum Anfassen. Und ein Ort der Verzweiflung für ehrgeizige Zuhörer. Verpasste man doch zu einem beliebigen Zeitpunkt bis zu 50 andere Lesungen, die parallel stattfanden. Auch die Verlage genießen die Leipziger Atmosphäre. Der Kölner Verleger Helge Malchow: "Manchmal bekommt man das Gefühl, hier geht es mehr um die Sache, um die Inhalte der Bücher, als in Frankfurt."

Chancen der Demokratie in Putins Russland

Das beweist Leipzig jedes Jahr. So sah man heuer in der zentralen Halle den französischen Starphilosophen Bernard-Henri Lévy sitzen und über Amerika parlieren, während auf der Empore über ihm Michail Ryklin, der Moskauer Intellektuelle und diesjährige Preisträger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, in exzellentem Deutsch über die Chancen der Demokratie in Putins Russland räsonierte. Da lösten sich Günter Grass ab und Wolf Biermann und Sabine Gruber. Alle in Griffnähe vor dicht gedrängtem Publikum.

Vorbei die Zeiten wie 1996 und 1997 - den ersten beiden Jahren der neuen Messehallen -, als die Gänge noch künstlich verengt wurden. Vor allem das Wochenende, die beiden Tage fürs normale Sackerl- und Rucksack-bewehrte Sammler- und Jäger-Lesepublikum, ist nichts für Klaustrophobiker.

Originelle Stände

Leipzig bietet Verlagen ein sehr direktes Feedback. In Frankfurt werden in geschlossenen Abteilen Deals ausgehandelt und Bestseller eingekauft. In Sachsen sehen sich Lieblingsautoren ganz unverstellt ihrem Lesepublikum gegenüber. Was vor allem für ambitionierte junge Häuser unschätzbar ist.

Die Branche weiß das. Die Messedirektion auch. Und so wurde dieses Jahr extra eine ganze Leseinsel für Kleinverlage - von Luftschacht (Wien) über Blumenbar (München), Tisch 7 (Köln) bis zu kookbooks (Berlin) - reserviert.

In Leipzig wird mittels der Wettbewerbe um die schönsten internationalen wie nationalen Bücher, bei denen in diesem Jahr drei österreichische Werke ausgezeichnet wurden, auch das mit Verve und Leidenschaft gestaltete Buch und Büchermachen gepflegt. Und - die vielen originellen Stände diverser Minipressen und Kunsthochschulen bewiesen es - auch das Künstlerbuch, das Unikat. Hier ließ sich, leicht erschöpft, wieder durchatmen. Wozu der Stand der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig buchstäblich einlud. War der doch als Wohnung mit Retromöbeln aus den Fünfzigern, Blümchentapete, Bett mit Polstern und Liegestühlen gestaltet.

Hörbücher

Jedes Jahr größer ist der Bereich der Hörbücher, deren Umsatzanteil stetig weiter steigt: von 2005 auf 2006 um 17,4 Prozent! Fast absehbar, dass der Messe-Slogan in einigen Jahren "Leipzig hört" lauten dürfte. Noch kaum Messegespräch: die drohende Aufhebung der Buchpreisbindung in der Schweiz und deren Folgen fürs Bücherverkaufen und für kleine und mittelständische Buchhandlungen.

Leipzig ist auch Testballon für zukünftige, größere Auftritte. So hat sich Katalanien, Gastland im Herbst bei der Frankfurter Buchmesse, im wohl architektonisch gelungensten, weil futuristischsten Stand präsentiert. Die Türkei hingegen, 2008 in Frankfurt Messethema, übte sich, trotz - oder wegen - des diesjährigen Nobelpreisträgers Orhan Pamuk, in auffälliger Dezenz. Slowenien, heuer Leipziger Themengast, blieb trotz schöner Messearchitektur relativ unbeachtet.

Gustostückerl

Überstrahlten doch handfestere Genüsse die Literatur aus jenem Land. So zog am Stand des Klagenfurter Wieser Verlags weniger der Abschlussband der Werkausgabe des slowenischen Dichters Florjan Lipus die Blicke auf sich als der große Prosciutto-crudo-Schinken, von dem Lojze Wieser eigenhändig Gustostückerln abschnitt.

Auch im Zentrum des "Book Austria"-Forums, um das sich die österreichischen Verlage gruppierten, stand Gastronomisches - ein Kaffeehaus als Lesebühne. Hier stand L auch für Lyrik. Für "Lyrik im März". Denn auch die traditionsreiche Grazer IG Autorinnen- und Autorenversammlung war in diesem Jahr mit ihrer Poesieveranstaltung "Lyrik im März" erstmals nach Leipzig umgezogen.

Bildung und Genuss

Als Ort hatte sich die IG das surreal-morbide Ring-Café in einem stalinistischen Zuckerbäckerarchitekturklotz in Sichtweite der Altstadt erkoren. Was leider in der Gesamtkombination am Samstagabend das messemüde Publikum weit gehend fern hielt. Weitaus besser frequentiert war in den Tagen zuvor dagegen der IG-Messestand, der Bildung und Genuss vereinte. War doch hier der beste Wein der Messe zu bekommen. Von den vier Sorten österreichischen Weins war der Grüne Veltliner schon Freitagmittag ausgetrunken. (Alexander Kluy/DER STANDARD, Printausgabe, 26.3.2007)

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    Bücher zum Lesen, Bücher zum Hören, Bücher zum Sitzen. 63 Länder präsentierten bei der Leipziger Buchmesse rund 1500 Werke. Das machte hungrig und durstig, also kredenzten österreichische Verlage erfolgreich auch andere Kulturgüter: etwa einen Grünen Veltliner.

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