Kreisen ums eigene Ich - Autobiografien liegen im Trend

25. März 2007, 13:52
posten

Viele auf der Leipziger Buchmesse präsentierte Neuerscheinungen drehen sich um Vergangenheitsbewältigung und Selbstreflexion

Leipzig - Vergangenheitsbewältigung und Selbstreflexion - um diese Themen kreisen auffallend viele Neuerscheinungen, die auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wurden. Ob Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass, der Schauspieler Michael Degen oder Rocklady Ulla Meinecke - sie alle nehmen den Leser in ihren neuen Büchern mit auf ein Stück ihres Lebensweges. Persönliche Bekenntnisse und Bilanzen prägen die Werke - seien sie nun rein biografischer Natur oder eine Aufarbeitung in poetischer Form.

"Ich habe mein Entsetzen mit Gedichten verarbeitet - es war für mich ein Existenzbeweis, noch schreiben zu können", beschreibt der 79-jährige Grass seinen Umgang mit den heftigen Reaktionen auf sein spätes Bekenntnis, als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. In seiner pünktlich zur Buchmesse erschienenen Gedichtsammlung "Dummer August" (Steidl Verlag) setzt er sich mit diesem Kapitel seines Lebens auseinander.

"Versuch eines Zeitgenossen"

Ganz anders geht Degen an die Aufarbeitung seiner eigenen und der deutschen Geschichte heran. Im zweiten Teil seiner dramatischen und bewegenden Autobiografie "Mein heiliges Land. Auf der Suche nach meinem verlorenen Bruder" (Rowohlt Berlin) bewältigt er die traumatischen Erlebnisse um die Verfolgung seiner jüdischen Familie durch die Nazis in Deutschland und die Suche nach seinem während des Zweiten Weltkrieges nach Palästina geflohenen Bruder. Degens Vater wurde im KZ Sachsenhausen ermordet. "Ich versuche immer wieder bei Lesungen der Schilderung des Todes meines Vaters auszuweichen, weil es mich noch heute mitnimmt", erzählt der 75-Jährige. Nach dem ersten Teil seiner Autobiografie "Nicht alle waren Mörder" wird nun möglicherweise auch die Fortsetzung für das Fernsehen verfilmt.

"Ich habe das jetzt gewagt", erklärt der Theaterschauspieler Hilmar Thate seinen "Versuch eines Zeitgenossen", wie er seine Autobiografie im Untertitel nennt. "Ich wollte auf keinen Fall ein Schauspielerbuch schreiben", sagt der 75-Jährige über sein Buch "Neulich, als ich noch Kind war" (Lübbe Verlag). "Man muss langsam diejenigen zählen, die keines geschrieben haben", fügt er etwas grimmig hinzu. Seine nicht streng chronologisch geordneten Geschichten sollen Geschichte beschreiben: Die Kindheit zur Nazizeit, Krieg, das Leben in der DDR und den Aufbruch am Theater. "Ich bin beim Schreiben ein Anarchist. Man muss so erzählen, wie es einem in den Sinn kommt. Ich glaube, das bin ich."

Erinnerungen einer Familie

Auch der deutsche Präsident der Schriftstellervereinigung P.E.N., Johano Strasser, blickt zurück: In seiner Autobiografie "Als wir noch Götter waren im Mai" (Pendo Verlag) erinnert sich der Vordenker der deutschen Linken an sein politisches Engagement in der 68er-Bewegung. Dabei versucht sich der 67-jährige Politikwissenschafter an einer kritischen Bilanz dieser Zeit.

Aufsehen erregt die Filmemacherin und Kulturwissenschafterin Christina von Braun mit ihrem Buch "Stille Post - Eine andere Familiengeschichte" (Propyläen Verlag). In dem auch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Werk setzt sich die 62-Jährige damit auseinander, wie Erinnerungen einer Familie an die nachfolgenden Generationen vermittelt werden. Sie benutzt Briefe und Tagebücher der Familie - der auch Wernher von Braun entstammt - um zu zeigen, wie vor allem die Frauen nach dem Muster der "Stillen Post" Informationen oft unausgesprochen weitergaben - als eine Art "schweigende Überlieferung" und "Flüsterkette", wie die Autorin sagt.

Ein Plädoyer für das Chaos als kreative Kraft des Lebens hält die Sängerin Ulla Meinecke in "Willkommen in Teufels Küche - Glanz und Elend der Chaotiker" (Blanvalet Verlag). Zu den Chaotikern zählt sie sich auch selbst. In ihrem Buch reflektiert die 53-jährige Musikerin auf unterhaltsame Art den Alltag mit dieser nicht immer einfachen Charaktereigenschaft. "Mein Leben zwischen Himmel und Erde" (Verlag Langen/Müller) nennt Filmschauspielerin Marianne Sägebrecht ("Out of Rosenheim") ihre Erinnerungen an die Kinderjahre in der Nachkriegszeit. Sie versteht ihr humorvolles, mit Kochrezepten garniertes Buch als "einen Aufruf, den Tag zu heiligen" und betrachtet auch manche traurige Episoden aus ihrem Leben mit einem Schmunzeln. "Mit 20 konnte ich noch nicht so viel lachen über mein Leben. Aber jetzt mit 61 Jahren habe ich mehr Humor, sehe mich mehr als Teil des Ganzen und nehme mich nicht mehr so furchtbar ernst." (APA/dpa)

Share if you care.