Rückkehr mit gemischten Gefühlen

2. April 2007, 13:27
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52 Überlebende sind derzeit auf Einladung des Jewish Welcome Service in Wien

Wien – „Ich fühle gar nichts“, beantwortet Margarita Goldschmidt ganz trocken die Frage, welche Gefühle der Besuch in Wien in ihr hervorruft. „Ich sehe die Schönheit der Stadt.“ Jener Stadt, in der sie 1916 geboren wurde und der sie bereits 1935, im Alter von 19 Jahren den Rücken gekehrt hatte und von wo aus ihre Eltern, ihr ältester Bruder und ihre Freunde deportiert worden waren, um in Auschwitz ermordet zu werden.

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Beim Gedanken an ihre „glückliche Jugend“ in Wien jedoch bröckelt die Gefasstheit der lebhaften 90-Jährigen und die großen blauen Augen füllen sich mit Tränen. Gemeinsam mit den Eltern und drei Brüdern wuchs Goldschmidt, geboren Rochberg, in der Viriotgasse im 9. Bezirk auf. Der Vater hatte sich zu einem wohlhabenden Schuhfabrikanten hinaufgearbeitet und bald konnte sich die Familie eine Villa in St. Andrä-Wördern leisten, wo auch der Onkel, der Komponist Hanns Eisler, ein Haus besaß. Während der Sommermonate besuchte Goldschmidt als einziges jüdisches Kind die dortige Schule. Probleme hatte sie dabei nie, betont sie, auch nicht als sie auf Plakaten des Zuckerbäckers Demel mit einer Davidstern-Kette posierte.

1935 fuhr sie mit ihrem ersten Mann, einem engagierten Kommunisten auf Hochzeitsreise nach Palästina. Als überzeugte Zionistin wollte sie unbedingt die Makkabiade, die größte jüdische Sportveranstaltung, besuchen. Zurück kamen das Paar nicht mehr: Zu gefährlich schien die Situation im austrofaschistischen Ständestaat. Erst 1957 besuchte Goldschmidt, die heute doppelt verwitwet in Haifa lebt, zum ersten Mal ihre Heimatstadt. „Es war fürchterlich. Ich kannte niemanden und jeder schwieg über die Nazis“, schildert Goldschmidt, die sich stets das Wienerische bewahrte. „Mein Motto war immer: Der Hitler wird vergehen, aber die deutsche Sprache nicht.“

"Nicht mehr so wütend"

Heute sei sie „nicht mehr so wütend“, meint die ehemalige Besitzerin eines Schokoladengeschäfts in Haifa, auch wenn es ihr sehr schwer fällt, an ihrem Geburtshaus vorbeizugehen. Diesmal ist Goldschmidt auf Einladung des Jewish Welcome Service in Wien, gemeinsam mit 51 anderen Überlebenden aus aller Welt.

Seit 1980 bietet die von Leon Zelman gegründete Organisation aus Wien vertriebenen Menschen die Möglichkeit sich mit ihrer Heimatstadt zu versöhnen: Am Programm stehen eine Stadtrundfahrt, ein Heurigenbesuch, ein Gottesdienst in der Synagoge und ein Empfang beim Bundespräsidenten. Heuer luden auch die amerikanische, die britische und die französische Botschaft zu „afternoon tea“ und festlichem Diner.

Margarite Goldschmidt traf am Donnerstag die Projektgruppe „Servitengasse“, welche seit 2004 die Schicksale der „verschwundenen Nachbarn“ rund um die Servitengasse im 9. Bezirk aufarbeitet. „Allein in dieser Gasse wurden mehr als die Hälfte aller Bewohner vertrieben und deportiert“, weiß Barbara Kintaert. Den rund 400 Juden wird im Herbst ein Denkmal gesetzt: Mit einem in den Boden eingelassenen Glaskasten, in dem je ein mit Namensschild versehener Schlüssel an die einstigen Bewohner erinnert. (Karin Krichmayr, DER STANDARD print, 24./24.3.2007)

  • Margarita Goldschmidt hat sich in Israel stets das Wienerische bewahrt
    foto: urban

    Margarita Goldschmidt hat sich in Israel stets das Wienerische bewahrt

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