Ausweinen in Schubhaft

28. April 2007, 18:44
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Österreichs einzige katholische Seelsorgerin für Schubhäftlinge, Maria-Regina Strugholtz, im STANDARD-Interview

STANDARD: Worin liegen die Unterschiede in Ihrer Arbeit ausschließlich mit Schubhäftlingen im Vergleich zur üblichen "Häfn"-Seelsorge?

Strugholtz: Der Zugang ist ein ganz anderer: Die Menschen, denen ich in der Schubhaft begegne, sind alle aus Ihrer Heimat geflüchtet. Wegen Bürgerkrieg, Terror, Verfolgung und Ähnlichem. Viele sind schwer traumatisiert. Sie leben in großer Angst um ihre Zukunft und sind dabei aber ganz auf sich allein gestellt.

STANDARD: Sind Betroffene in so einer Situation überhaupt offen für Seelsorge?

Strugholtz: Natürlich stehen andere Fragen, etwa nach einer Hilfe, um aus der Schubhaft zu kommen, im Vordergrund. Meine Funktion ist aber ausschließlich die Seelsorge. Da muss man die Grenzen bereits im Vorfeld abstecken.

STANDARD: Sie begleiten schwer traumatisierte Menschen, fällt es da leicht Grenzen zu ziehen?

Strugholtz: Das ist immer eine große Herausforderung für mich. Was mir aber hilft, ist, dass ich auf spezielle Hilfsorganisationen verweisen kann.

STANDARD: Viele der Schubhäftlinge, vor allem Moslems, kommen aus einer patriarchalischen Gesellschaft. Hat man es da als Seelsorgerin nicht schwer?

Strugholtz: Bis dato hat es dieses Problem nicht gegeben. Ganz im Gegenteil: Man begegnet mir mit einem sehr großen Vertrauensvorschuss, und ich werde als eine Person von draußen positiv gesehen.

STANDARD: Sie treffen auf Menschen mit unterschiedlichen Konfessionen. Sind sie in Glaubensfragen so multitask?

Strugholtz (lacht): Mir ist der Respekt vor der Gewissens- und Glaubensfreiheit absolut wichtig. Im Vordergrund steht der Mensch, Religionszugehörigkeiten stehen in der zweiten Reihe. Wenn jemand Angst hat, seine Kinder nie wieder zu sehen, dann trennt kein Glaube mehr.

STANDARD: Wäre nicht eine psychologische Betreuung ohne pastoralen Hintergrund zielführender?

Strugholtz: Die gibt es ja auch. Aber es besteht eben ein gravierender Unterschied zwischen psychisch krank und dem Wunsch, mit Fragen vor allem nach dem Sinn ernst genommen zu werden.

STANDARD: Was rät man Menschen, die in einer Zelle auf ihre Abschiebung warten?

Strugholtz: Ein guter Rat fällt da natürlich schwer, ist aber letztlich auch nicht meine Aufgabe. Schubhaft-Seelsorge heißt vor allem zuzuhören. Bei diesem klassischen Ausweinen löst sich sehr viel bei den Betroffenen.

STANDARD: Leid, Angst, Verzweiflung gehören zu Ihrem Arbeitsalltag. Wie gehen sie persönlich damit um?

Strugholtz: Es ist oft ganz schwierig - vor allem wenn man in intensiven Gesprächen eine Beziehung aufbaut, man aber nie weiß, ob derjenige beim nächsten Mal noch hier ist. Da bleiben offene Fragen, oft gibt es unausgesprochene Dinge. Das wird mir manchmal zu viel. Da brauche ich dann jemanden zum Zuhören, oder ich gehe zum Weinen in die Kirche. (Das Gespräch führte Markus Rohrhofer, DER STANDARD printausgabe, 24./25.3.2007)

Zur Person:
Maria-Regina Strugholtz (58), studierte Theologin, arbeitet seit 1998 als Diözesanbeauftragte für Berufungspastorale in der Diözese Innsbruck. Seit Mai 2006 betreut sie im Polizeianhaltezentrum Innsbruck zwei Stunden pro Woche Schubhäftlinge
  • Ich war fremd, ihr aber habt mich aufgenommen", mahnt Seelsorgerin Strugholtz ein Jesus-Zitat ein
    foto: alfred habitzl

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