Mitten drin in der Biederkeitsfalle

25. März 2007, 10:00
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Es gibt Ausstellungen, die dem Zeitgeist etwas entgegenhalten, und solche, die ihn befördern: Die Biedermeier-Ausstellung in der Albertina gehört zur zweiten Kategorie

Und es stellt sich die Frage, was mit der Moderne passiert, wenn sie in bieder-meierlicher Idylle versinkt.

Ein Essay von Isolde Charim



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In allen Texten zur Biedermeier-Ausstellung der Albertina steht irgendwo der Satz: Bisher war "bieder" ein Schimpfwort. Bis Karl Albrecht Schröder kam, könnte man ergänzen.

Aber nehmen wir das doch einmal beim Wort: Tatsächlich war bieder bis vor Kurzem ein zuverlässiges Kriterium, um eine moralische, ästhetische, politische und existenzielle Unterscheidung festzumachen. Bieder - das war feig, hässlich, reaktionär und langweilig. Es war nicht nur der Gegensatz zu allem, was erstrebenswert schien, es war auch die Bestätigung dafür, dass es noch relevante Differenzen gibt.

Dann kam, was Susan Sontag die Camp-Kultur nannte. Man begann, das Spießigste ironisch, spielerisch umzudeuten. Kollektives Song-Contest-Schauen beispielsweise wurde zu einer avantgardistischen Veranstaltung, der nur verbohrte Politniks nichts abgewinnen konnten. Während diese noch an alten Differenzen festhielten, hatten die Ästheten längst die bewusst gewählte Biederkeit zur avanciertesten Unbiederlichkeit erklärt. Solch ein spielerisches, antiseriöses, frivoles Überspringen der Gegensätze hatte einen doppelten Effekt: Es entthronte alle Formen, die sich selbst noch ernst nahmen, und es ermöglichte gleichzeitig, sich das, was man eigentlich verachtete, anzueignen.

In der ironischen Brechung konnte man guten Gewissens "Tatort"-Schauen, sich für muffige Tapetenmuster begeistern und Anzüge tragen. Irgendwann hat sich aber auch diese Geste leer gelaufen. Irgendwann ist auch camp langweilig geworden - ohne dass sich ein neuer Sturm und Drang abgezeichnet hätte. Ja, schlimmer noch - irgendwann saß man selbst mitten drin in der Biederkeitsfalle. Und man verstand: Es gibt gar keinen Metadiskurs. Es gibt keine Position, von der aus man souverän mit den Rollen und Diskursen hantieren kann. Spätestens die Elternschaft erwies sich als gänzlich ironieresistent. Da sitzt nun eine ganze Generation in der Biederkeit fest. Bis eben, siehe oben, Karl Albrecht Schröder kam und uns da rausholte. War bieder zuerst ein Schimpfwort und dann ein Exotikum, so ging die Albertina einen Schritt weiter. Die Differenz wird weder gesetzt noch übersprungen, sie wird schlichtweg aufgehoben: Sie erklärt das Biedermeier selbst für modern.

Was für ein Ausweg! Kein Wunder, dass nach Wochen die Schlangen vor der Museumstüre noch immer lang werden und dass jede gesellige Konversation früher oder später darauf zu sprechen kommt. Es gibt zwei Arten von wichtigen Ausstellungen: solche, die dem Zeitgeist etwas entgegenhalten, und solche, die ihn befördern. Anders gesagt: jene, die eine Analyse der Gegenwart liefern, und jene, die deren Symptom sind. Die Biedermeier-Schau gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.

Wie also kommt sie zu ihrer leitmotivischen Behauptung? Indem sie den Blick auf die Ästhetik des Biedermeiers lenkt und hier jenes Moment entdeckt, das sie als modern bezeichnet: die Einfachheit der Form. Nun ist die Schlichtheit und Geradlinigkeit der präsentierten Objekte tatsächlich frappierend. Ja, insgesamt ist die Schau wie ihr Objekt: hübsch, schlicht, idyllisch und unpolitisch. Denn die Analogie der Formen, die hier als modern ausgegeben wird, blendet den historischen Kontext aus: die Restauration.

Entgegen der landläufigen Meinung, diese sei eine Wiederherstellung der Verhältnisse vor der Französischen Revolution, ist sie vielmehr die Herstellung einer neuen Ordnung. Denn das Gottesgnadentum hat Revolution und Bonapartismus nicht unbeschadet überstanden. Hat früher der Monarch mit seinem Körper auch unmittelbar die Erhabenheit der politischen Einheit, das Volk in seiner Gesamtheit verkörpert, so hat er durch die historischen Einbrüche diese Dimension seiner Exzellenz verloren. Diese ließ sich nicht restaurieren. Deshalb konnte die monarchische Ordnung nicht mehr auf dem Glauben ihrer Untertanen aufbauen. Dieser musste durch Zwang ersetzt werden.

Beredtes Zeugnis dafür sind Metternichs berühmte Karlsbader Beschlüsse. Das viel zitierte Bild von Franz I. am Schreibtisch statt am Thron ist kein Versprechen, sondern eine Drohung: Er hat die Transzendenz, die der Monarch ehedem verkörperte, gegen die Bürokratie, der er nunmehr vorstand, eingetauscht. Das Ende der klassischen Repräsentation betrifft aber nicht nur den Körper des Königs, der auf seine Natürlichkeit reduziert wurde. Es betrifft auch alle Objekte - vornehmlich in den Herrscherhäusern.

Da ist ein Stuhl nunmehr ebenso ein Stuhl wie in jeder Bürgerwohnung. Es gibt keine "zwei Körper der Gegenstände" mehr, durch die diese teil an der Transzendenz des Monarchen haben. Nunmehr, wo die Repräsentation die Dimension der Erhabenheit verloren hat, wo sie durchgestrichen wurde, sind auch die Dinge auf ihre Alltagsgegenständlichkeit reduziert. Ein Tisch ist nur noch ein Tisch und nicht mehr gleichzeitig auch eine Reliquie der monarchischen Sakralität. Auch die Dinge haben eine Säkularisierung erfahren. So wie die Macht auf ihre sichtbare Vorherrschaft reduziert wurde, die sie nur mehr durch Zwang aufrechterhalten kann, so verhält es sich auch mit den Dingen. Sie sind nur noch von ihrer Funktionalität bestimmt. Wir begegnen hier dem Ende der klassischen Repräsentation, die sich nicht mehr restaurieren ließ.

Die Entdeckung der Einfachheit bedeutet hier die Zurückgeworfenheit in die Immanenz einer Gesellschaft, die nicht mehr über einen göttlichen König an der Transzendenz partizipiert. Eine Immanenz, in die man nunmehr gestoßen wurde, nachdem deren Aneignung durch die Revolution gescheitert ist. In dieser gilt es, sich jetzt einzurichten - im übertragenen wie im Wortsinn.

In diesem Zusammenhang muss man auch die zweite These der Ausstellung sehen, wonach das Biedermeier in seiner Einfachheit entgegen der landläufigen Meinung seinen Ausgang nicht im Bürgertum, sondern beim Adel genommen hat, worauf Hanns Ottomeier schon seit Jahren hinweist. Der Adel entdeckt die Einfachheit, nachdem er den privilegierten Zugang zur Erhabenheit verloren hat. Wobei es ja kein Geheimnis ist, dass die Einfachheit sehr vieldeutig sein kann. So kann sie etwa als neues Distinktionsmerkmal funktionieren. Als solches wird die Bescheidenheit dann zur höchsten Form der Anmaßung und des Luxus. Aber damit ist sie dem Manierismus näher als der Moderne. Kurz - die Formenreduktion ist noch keine Garantie für Modernität.

Zugleich kann diese Schlichtheit aber auch das typischste biedermeierliche Element möblieren: die Idylle. Diese dient der Abwehr einer Moderne, die sich als Drohung bereits ankündigt: Industrialisierung, Massenproduktion, Erschütterung der traditionellen Werte. Paradoxerweise ist es nicht die Reduktion der Formen, sondern gerade dieses Phänomen, das genuin modern ist. Der Rückgriff auf vormoderne Vorstellungen ist eine moderne Strategie zur Abwehr der Moderne. Wie etwa der Nationalismus. Ernest Gellner hat gezeigt, dass der Rückgriff auf atavistische Gemeinschaftsvorstellungen, wie sie der Nationalismus macht, nur in modernen Gesellschaften zustande kommt. Die Modernität des Biedermeiers wird so quasi über die Bande gespielt.

In dieser doppelten Version - die teilweise fragliche Modernität der Formenreduktion und die vertrackte Modernität der Flucht vor ihr - in dieser begrifflichen Unschärfe der Ausstellung liegt aber das Geheimnis ihres Erfolges.

Mit ihrer Rehabilitierung des Biedermeiers entlastet die Schau uns alle. Denn auch wir können nicht mehr einfach in die 50er-Jahre zurück, wir können diese Ordnung, in der man ungebrochen bieder sein konnte, nicht restaurieren. Wir können uns heute in der Biederkeit nur einrichten, wenn diese die Moderne, durch die wir - einzeln und gesellschaftlich - durchgegangen sind, in sich trägt und aufbewahrt. Dann, und nur dann muss sie nicht mehr augenzwinkernd, campy rezipiert werden. Man braucht sie nicht mehr zu ironisieren, um sich guten Gewissens dazu zu bekennen. Die Albertina leistet, dass selbst ein Herr Poschardt in seinem Vanity Fair jubeln kann: Biedermeier ist cool. Man kann sich nach dieser Ausstellung entscheiden: entweder für die glamouröse biedermeierliche Moderne à la Poschardt oder für die moderne Biedermeierlichkeit einer alternativen, religiösen oder bescheidenen Lebensform. Man kann auf moderne Weise bieder sein, wenn man die Feier der reduzierten Formen wählt. Oder man kann auf biedere Weise modern sein, wenn man eher der Idylle den Vorzug gibt.

In jedem Fall bleibt aber die Frage offen, was eigentlich mit der Moderne passiert, wenn diese im Biedermeier versinkt. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.03.2007)

Isolde Charim lebt als Philosophin in Wien. Vergangenes Jahr wurde sie mit dem Publizistikpreis der Stadt Wien ausgezeichnet.

Die Ausstellung "Biedermeier - Die Erfindung der Einfachheit" ist noch bis zum 13. 5. in der Wiener Albertina (Öffnungszeiten Montag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Mittwochs jeweils bis 21 Uhr, www.albertina.at) zu sehen.
  • Anthon Kothgasser:Ranftbecher mit Goldfisch, Wien (1820/30)
    foto: albertina/ © umeleckoprumyslové muzeum prag, gabriel urbánek

    Anthon Kothgasser:
    Ranftbecher mit Goldfisch, Wien (1820/30)

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