Krimischiene: verschwunden, vernetzt, versteckt, verrechnet

30. März 2007, 14:05
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Moosbrugger: "Acht Stunden Angst" - Schäfer: "Die Macht des Mr. Miller - Handels: "Memento" - Kruse: "Die Farbe der Gier"

Verschwunden

Die Vielschreiberin Nicci French vertieft sich in Acht Stunden Angst (Deutsch: Birgit Moosmüller, € 18,40, C.Bertelsmann) in ein Szenario, das der Albtraum für Eltern ist. Als Nina einen Urlaub in Florida antreten will, scheint es, als hätte sie sich aus ihrem seelischen Tief herausgewunden. Die Scheidung ist durch, die Kinder haben sich einigermaßen damit abgefunden, sie hat einen neuen Freund und das Gefühl, endlich wieder eine Familie aufbauen zu können. Da kommt ihre Teenager-Tochter Charlie von einer Party bei Schulfreundinnen nicht nach Hause. Diese rücken erst spät damit heraus, dass sie Charlie betrunken gemacht haben, aber mit ihrem Verschwinden wollen sie alle nichts zu tun haben. Die Polizei glaubt erst nicht an ein Verbrechen, aber Nina begibt sich sofort auf eine verzweifelte Suche und verliert dabei jegliches Vertrauen in andere Menschen.

Vernetzt

Michael Bellicher gehört zur windigen Zunft der Berater: Sein Job ist es, Phrasen zu dreschen, Politikern diese einzubläuen und dafür viel Geld zu kassieren. Damit ist es vorbei, als er einen Nervenzusammenbruch erleidet, gekündigt werden soll und dann auch noch miterleben muss, wie in der Firma, in der er sich illegalerweise herumtreibt, eine Frau ermordet wird. Michael taucht unter, allerdings muss er feststellen, dass ihm jemand auf den Fersen ist, weil er als Internet-Freak verfolgbare elektronische Spuren hinterlässt. Weltweite Verschwörungen und sich selbst weiterentwickelnde Computer - das hatten wir erst kürzlich beim Ex-Bush-Berater Clarke. Aber Charles den Tex ist ungleich begabter: Er schildert einen globalen Krieg, der nicht mit Waffen, sondern mit manipulierten Informationen geführt wird (Die Macht des Mr. Miller Deutsch: Stefanie Schäfer, € 19,50, grafit)

Versteckt

Es ist ziemlich originell, was das amerikanische Autorinnenduo P. J. Tracy - Mutter und Tochter - wieder ausgeheckt hat. Ein Schneemannwettbewerb im winterlichen Minneapolis bringt grässliche Überraschungen. Denn in zweien der Figuren stecken die Leichen von Polizisten. Hundert Kilometer weiter an einem der unzähligen zugefrorenen Seen Minnesotas findet man die dritte, ebenfalls in Schnee verpackte Leiche. Und es ist die erste von Sheriff Iris Rikker, die neu ist im Job. Zu aller Schrecken ist auch noch ein übler Gewalttäter unterwegs, um seine von ihm schon schwer misshandelte Ehefrau endgültig zu Tode zu bringen. Die hat aber an einem ganz besonderen Ort Zuflucht gesucht. Die Tracys entwickeln eine utopische, aber effektvolle Lösung für Sadisten, die das Justizsystem nicht neutralisieren kann (Memento, Deutsch: Tanja Handels, € 17,40, Wunderlich).

Verrechnet

Jeffrey Archer, ehemaliges Mitglied des britischen Oberhauses und wegen seines, sagen wir einmal, unorthodoxen Verhältnisses zu Finanzen vorübergehend aus dem Verkehr gezogen, schreibt, worüber er Bescheid weiß: über lukrative Betrügereien. Die Farbe der Gier(Deutsch: Tatjana Kruse, € 19,50, Scherz) handelt von einem Finanzjongleur, der es auf Gemälde abgesehen hat. Er will ein Van-Gogh-Selbstporträt haben, das in einem britischen Adelssitz hängt. Während der Coup vorbereitet wird - zwei wesentliche Faktoren sind eine sympathische Kunstexpertin und eine böse Auftragskillerin -, passiert die Katastrophe von 9/11. Archer lässt seine Figuren zwischen New York, Bukarest und Tokio ihrem legalen und illegalen Treiben nachgehen. Spannend, doch konventionell erzählt, ist dieser Thriller speziell etwas für Leser, die ein bisschen Allgemeinwissen über Malerei mitbringen.

(Ingeborg Sperl / ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.03.2007)

  • Artikelbild
    buchcover: bertelsmann
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