Als wir unsterblich waren

30. März 2007, 14:05
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Autor Helminger und TV-Mann Andrack waren einmal Punks: Mit einer Neuausgabe des Suff-Roman "Die Ruhe der Schlammkröte" sind sie Sonntag in Wien

Wien – Der typische Mann trinkt gerne Alkohol, und er lässt keine Gelegenheit aus , informiert uns der Ratgeber Wie Männer ticken von Hauke Borst. Bevor der Leser, und warum nicht auch die Leserin, jetzt beginnt, über die eigenen Trinkgewohnheiten nachzudenken, schnell weiter im Text.

Wir dürfen heute nämlich eine philologische Weltsensation vermelden: Die kommentierte Neuausgabe des lange vergriffenen, ja außerhalb Kölns nie wirklich greifbaren Suff-und-Sex-Romans Die Ruhe der Schlammkröte von Guy Helminger, laut Verlag Kiepenheuer & Witsch eine Annäherung an Trunkenheit, Prahlsucht und die eigenen Erinnerungslücken . Nicht nur wer die Bücher von Sven Regener oder Rocko Schamoni kennt, wird sich vielleicht schon an diesem Punkt fragen: Nicht noch ein Achtziger-Roman? Doch, und zwar so richtig.

Der kategorische Unterschied besteht darin, dass Helmingers Buch, im Gegensatz etwa zu Herr Lehmann, keine aus dem Lehnsessel heraus erzählte Erinnerungsliteratur ist. Er hat es direkt mit dem Restalkohol der vorangegangenen Nacht ausgeschwitzt, als er Ende der Achtziger in der Kölner Absturzkneipe Station hinter der Theke seinen Dienst versah und tags darauf exzessive Geschichten aus der Szene mehr oder weniger unausgeschmückt niederschrieb.

Trunkene Abende . . .

Das liest sich dann so: Inzwischen verlebte ich so manchen trunkenen Abend in der Schluckbude, saß neben dem liegenden Shylo auf dem Sofa oder verbrachte die Nacht mit Molly. Oskar fuhr weiter gegen Verkehrsschilder, und Simon brachte die halben Hähnchen für Ultraman.

Auf der anderen Seite der Schluckbuden-Theke stand damals Manuel Andrack. Ich war Stammgast in der Station , erinnert er sich im Gespräch mit dem Standard. Das Lokal beschreibt er als typisch abgewrackte Punktränke, zu einer Zeit, als es Punk so schon längst nicht mehr gab. Wir haben da wie in einem Zeitloch existiert, gesoffen und alles von Ramones bis Tom Waits gehört. Ich war drei-, viermal die Woche da, aber es gab Leute, die haben über Jahre kein Sonnenlicht gesehen.

Inzwischen ist der Luxemburger Guy Helminger ein halbwegs etablierter Autor, 2004 bekam er beim Bachmann-Wettlesen den 3sat-Preis zugesprochen. Andrack ist Sidekick von Harald Schmidt und Verfasser von Wander- und Fußballbüchern. Beide befinden sich in ihren Vierzigern, haben Familie. Höchste Zeit also, mal wieder die Sau rauszulassen.

Deshalb gehen Helminger und Andrack mit der Schlammkröte, von der damals in Lokalen 300 Stück verkauft wurden, auf Tour. Am Sonntag treten sie im Wiener Rabenhof auf.

Was darf sich der Kulturinteressierte erwarten? Gedacht ist es als Lesung, aber wir hoffen auch, im Gespräch Ungereimtheiten, was gewisse Erinnerungen betrifft, zu klären. Und natürlich werden wir laute Musik abfahren und das beste Bier krönen.

. . . mit halben Hähnchen

Wieder entdeckt hat das Buch übrigens Andrack, beim Stöbern in seiner Bibliothek. Ich habe ja damals sogar meine Frau in der Station kennengelernt, auch von daher ist dieses Kapitel für mich interessant. Und Helminger? Ihm war die Neuauflage, glaube ich, nicht so ein großes Anliegen, aber das Buch ist ihm auch nicht peinlich.

Als Herausgeber, gibt er gerne zu, hat Andrack nichts unversucht gelassen, sich mittels ausufernder Fußnoten und eines germanistischen Apparats, der unter Stoffgeschichte diverse Biersorten auflistet, im Nachhinein in die Geschichte hineinzuschreiben. Zum harten Kern hat er anno dazumal nicht gehört: Ich war mehr der Beobachter, aber ich hatte dafür eine umgeschneiderte Waffen-SS-Jacke. Die passt mir übrigens heute noch!

Was nehmen wir mit? Der speziell interessierte Philologe darf Die Ruhe der Schlammkröte als ein Zeitdokument aus einem Zeitloch lesen, das zwischen Achtziger-Slang das Talent von Guy Helminger zumindest tröpfchenweise bereits erahnen lässt. Alle anderen dürfen sich immerhin freuen über ansprechende Klolektüre, für die man sich nicht fremdschämen muss. Auf dem Spülkasten am besten direkt neben Frank Kelly Richs druckfrischem Die feine Art des Saufens. Ein Handbuch für den modernen Trinker platzieren. (Sebastian Fasthuber / DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.03.2007)

Guy Helminger: Die Ruhe der Schlammkröte . Wiederentdeckt, herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Manuel Andrack. 9,20 € / 228 Seiten. KiWi, Köln 2007

Autor und Herausgeber lesen am Sonntag (25.3.) um 20.00 Uhr im Rabenhof, 3., Rabengasse 3, aus dem Roman.

  • Als gestern heute und heute noch undenkbar war: Stand Guy Helminger (li.) in Köln hinter der Theke. Manuel Andrack (re.) davor.
    foto: andrak/helminger kiwi

    Als gestern heute und heute noch undenkbar war: Stand Guy Helminger (li.) in Köln hinter der Theke. Manuel Andrack (re.) davor.

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