Sterntänzer und Selbstüberschätzer

26. März 2007, 15:33
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Das Festival "imagetanz" zeigt die Vielfalt der jungen österreichischen Choreografie

Wien – Mit nur vier Institutionen muss die zeitgenössische Choreografie in Wien ihr Auslangen finden. Das ist knapp. Aber diese Konzentration bewirkt aber auch besondere Qualitäten: Das unter Sigrid Gareis höchst erfolgreiche Tanzquartier und der Publikumsmagnet "ImPulsTanz" als größere Partner von "im flieger" im WUK – und dem Festival "imagetanz" des Künstlerhaustheaters, das in diesem Jahr so gut besucht war wie noch nie.

Festivalkuratorin Bettina Kogler programmierte ausschließlich österreichische Uraufführungen und setzte dabei auch noch ganz auf junge Choreografie. Hier zeigt die ausgewiesene Tanz- Nachwuchsförderung der Stadt Wien Wirkung, und "imagetanz" gelingt der Nachweis, wie lohnend eine gezielte Investition der öffentlichen Hand sein kann.

Die Vielfalt der insgesamt sehr aktuellen Zugänge der jungen Künstler ist beachtlich. Sie reicht vom Webradioprogramm (von "wolv-radio.net") über eine schweißtreibende Party, wie sie von Michikazu Matsune und David Subal im Rahmen einer MAK-nite inszeniert wurde, bis zur Kunstperformance à la Jan Machaceks Faces and Names. Auch innerhalb der Stückformate divergieren die Zugänge und Methoden: Da widerlegt Doris Uhlich das Klischee vom Jugendkult im Tanz, Gabri Einsiedl macht mit Eduard Gabia aus der Black Box einen schwarzen (Text-) Balken, Linda Samaraweerová trennt den Begriff von "Körperlichkeit und Virtuosität" vom Stereotyp der tänzerischen Hochleistungsmaschine, und Martina Ruhsam lässt in ihrer Kollektivarbeit mit unter anderem Vlado G. Repnik und Stefan Messner Konventionen zeitgenössischer Kunstpraxis platzen.

Gekonnt klinkt sich in das künstlerische Geschehen eine neue Generation von Choreografinnen ein, für die spartenübergreifendes Arbeiten ebenso selbstverständlich ist wie das Ausreizen des Tanzbegriffs. Wie weggeblasen scheinen die Grenzen, die dem Tanz noch bis vor wenigen Jahren gesetzt waren. Jetzt kann sich Choreografie zunehmend als offenes System darstellen, in dem alle erdenklichen künstlerischen Strategien erprobt werden können.

Welche Herausforderungen das an die Künstler stellt, ist nicht nur an den gelungenen, sondern auch an den gescheiterten Werken zu sehen. Wenn zeitgenössische Choreografie versenkt wird, dann meist, weil die Komplexität des offenen Systems nicht verstanden oder unterschätzt wird. Bei "imagetanz" jedenfalls wurde nicht mit simplen Lösungen spekuliert, sondern aufs Ganze gegangen. Und wenn eine der jungen Künstlerinnen aufgrund von Naivität, Selbstüberschätzung oder miserablem Coaching brutal abstürzt, dann gehört das dazu. In einem Labor kracht es eben manchmal. Das musste auch der talentierte bisherige Soloarbeiter Jan Machacek erfahren, dessen Gruppenarbeit von ebendieser – selbstverblendet wie blasierten – Gruppe versenkt wurde.

Doch insgesamt stehen die Experimente unter einem überraschend guten Stern. Sowohl in minimalistischen Formaten wie bei Einsiedl und Moravia Naranjo als auch in ausufernden wie bei Cezary Tomaszewski, dessen an Händel geknüpfte Caesar-und-Kleopatra-Heroica Strawberry Muffin noch heute, Samstag, als Abschluss des Festivals zu sehen ist. Ebenso bei sozialen Thematisierungen, wie sie in Doris Uhlichs Und wunderbar aufging, oder bei der Verschrottung des Theaters mit höflichen Gesten wie in Ruhsams One Dollar One Dollar.

Diesen Stern sichtbar zu machen bedarf einer sensiblen Kuratierung. Und er wäre kaum so klar sichtbar zu machen, wenn das imagetanz- Festival den Intendanzwechsel bei "dietheater" nicht überlebt hätte. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.03.2007)

  • Sabile Rasiti und Cezary Tomaszewski in der auf "Giulio  Cesare" basierenden Choreografie "Strawberry Muffin".
    foto: stephanie rauch

    Sabile Rasiti und Cezary Tomaszewski in der auf "Giulio Cesare" basierenden Choreografie "Strawberry Muffin".

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