"Das stellen wir relativ brutal ab"

23. März 2007, 18:45
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ÖBB-Chef Martin Huber glaubt im STANDARD- Gespräch nicht, dass er Ende 2006, nach diversen Skandalen, vor dem Aus stand

Warum die Schulden der Bahn "gute" sind, die ÖBB zwei betriebswirtschaftlich unsinnige Tunnel baut und wozu sich Huber neue Brillen gekauft hat, erfuhr Renate Graber.

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STANDARD: Danke, dass Sie mich zwanzig Minuten haben warten lassen. So konnt' ich mich von der Fahrt im Panoramalift in den 29. Stock erholen. Stört Sie das nicht? Sie haben da ja Fenster bis zum Boden.

Huber: Nein, ich kann mich sogar an die Scheibe anlehnen.

STANDARD (schaut weg): Sie haben also keine Höhenangst.

Huber: Nein, aber ich muss gestehen: Als ich mit 23 ein Haus gebaut habe, bin ich oben am First spaziert, kein Problem. 15 Jahre später wollte ich die Giebelleiste streichen, aber nach zwei Metern auf der Leiter habe ich umgedreht.

STANDARD: Eigentlich passt das nicht zu Ihnen. Sie haben bei Ihrem Amtsantritt in der ÖBB gesagt "Das Einfache können doch eh alle." Was können Sie?

Huber: Arge Frage.

STANDARD: Ist nur der Einstieg.

Huber: Ich habe diesen Job nicht angenommen, weil ich so geil auf die Position war, sondern weil das eine echte Herausforderung ist. Die ÖBB ist eines der komplexesten Unternehmen im Lande, mit sehr schwierigen Voraussetzungen. Das in eine Ordnung zu bringen und eine Vernetzung von einzelnen Gesellschaften zu schaffen, die wie Zahnräder ineinandergreifen – das ist die Herausforderung.

STANDARD: Die Zahnräder knirschen. Seit Sie da sind, gab es die Affäre Goldmann, die Iran-Geschäfte, die Affäre Zimmermann, Sie selbst waren Ende 2006 fast am Rauswurf ...

Huber: Das haben nur die Medien vermutet. Mein Sessel war nicht gefährdet.

STANDARD: Das glaube ich nicht. Was haben Sie zusammengebracht, wie wollen Sie die ÖBB bis 2010 zu einer der Top-Ten-Bahnen Europas machen? Viel Zeit ist nicht mehr.

Huber: Man muss die ÖBB restrukturieren. Ziel der Strukturreform war es, Transparenz zu schaffen. Und zwar durch Trennung der ÖBB in vier operative AGs. Und dort, wo es transparent wird, kommen auch derartige Dinge auf. Wir haben vorwiegendst weiße Schafe, aber in den vergangenen 20, 30 Jahren hat sich halt auch unkorrektes Verhalten eingebürgert. Das stellen wir relativ brutal, oder lassen Sie mich lieber sagen: sehr konsequent ab. Und drehen Sie das einmal um: Wir haben mit minus drei Millionen Euro Ergebnis begonnen, haben jetzt mehr als 30 Millionen Plus, Umsatz und Produktivität je Mitarbeiter steigen. Über das sollte man viel mehr reden. Dass beim Hobeln auch Späne fliegen, das ist einfach so.

STANDARD: Was ist eine Top-Bahn? Ein ÖBB-Netz mit Semmering- und Koralmbahntunnel; keine schmuddeligen Bahnhöfe, keine alten Züge?

Huber: Top-Bahn heißt hohe Qualität bei Service, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Kundeninformation. Top-Bahn heißt nicht, dass das gesamte Streckennetz fertig gestellt ist.

STANDARD: Die ÖBB haben 7,5 Mrd. Schulden, bereitet Ihnen das nicht schlaflose Nächte?

Huber: Nein, weil die Liquidität der Bahn gesetzlich gesichert ist. Wir müssen von der Betrachtung her einmal ein "brain-changing" durchführen.

STANDARD: Aha.

Huber: Worum es geht: Wir finanzieren Investitionen mit Fremdkapital, das ist ein Unterschied zu Schulden im landläufigen Sinn.

STANDARD: Finden Sie?

Huber: Ja, es gibt gute Schulden und schlechte Schulden. Umgemünzt auf den Privatbereich: Wenn Sie einen Kredit von 50.000 Euro aufnehmen, um eine Eigentumswohnung zu kaufen, ist das etwas anderes als wenn Sie das tun, um mit dem Geld eine dreimonatige Weltreise zu machen.

STANDARD: Ist doch Ansichtssache. Ich führe ja lieber mit bösen Schulden um die Welt.

Huber: Aber in dem einen Fall schaffen sie Substanz, im anderen kommen sie heim, das Geld ist weg, der Kredit ist da.

STANDARD: Sie machen also gute Schulden, weil Sie das geborgte Geld verbauen. Ihr Lieblingsprojekt Zentralbahnhof ...

Huber: ...Hauptbahnhof. Lieblingsprojekt? Alles, was notwendig ist fürs Unternehmen, wird automatisch zu einem Lieblingsprojekt. Wenn alles klappt, wird er 2013 eröffnet.

STANDARD: Sie rationalisieren, im psychologischen Sinn. Darum bauen Sie jetzt auch Koralm- und Semmeringtunnel? Die rechnen sich laut ÖBB betriebswirtschaftlich nicht, sind von den Kunden nicht gefragt – aber politisch gewünscht.

Huber: "Vom Kunden nicht gefragt", das haben Sie nie von mir gehört. Ich habe immer gesagt: Solche Projekte sind betriebswirtschaftlich nie darstellbar und dennoch volkswirtschaftlich sinnvoll. Hier geht es um politische Fragen, um volkswirtschaftlichen Nutzen wie Arbeitsplätze und Standortsicherheit.

STANDARD: Die Koralm um 4,2 Mrd. Euro bauen Sie, weil Landeshauptmann Haider sie will.

Huber: Der Herr Landeshauptmann hat besonderen Druck gemacht, gar keine Frage. Als Bahnchef sage ich: Es war immer klar, dass sich beide Projekte nicht rechnen, darum haben wir, was ja nicht oft passiert in Aktiengesellschaften, eine Entscheidung des Eigentümers verlangt. Er hat entschieden, und wer entscheidet, muss zahlen.

STANDARD: Sie wirken nicht wie ein Bahnfreak. Sie wollten als Bub gar nicht Lokführer werden, sondern Förster oder Arzt. Fasziniert Sie die Bahn, haben Sie eine Lieblingsstrecke?

Huber: Ja, die Weststrecke, auf der wir schon 200 km/h fahren. Und die Fahrt über den Semmering, auf der Lok. Das Verkehrsmittel Bahn ist etwas absolut Faszinierendes, daher ist mein Zugang noch identifizierter und emotionaler geworden als am Anfang.

STANDARD: Es scheint, als hinge Ihr Herz mehr an Immobilien, Sie waren 15 Jahre bei Porr. Ihre ÖBB-Immo-Deals werden kritisiert, der Rechnungshof prüft. Was läuft da schief?

Huber: Gar nichts. Da sind wir wieder in der Welt der Politik.

STANDARD: Die Immobilien verkaufen aber die ÖBB.

Huber: Ja, und zwar sehr professionell. Der Rechnungshof wird das ein für allemal feststellen, und darüber bin ich sehr froh.

STANDARD: Wir werden sehen. Was ist eigentlich Ihre Lieblingsoper? Sie gehen sehr oft in die Oper – stehen Sie neben VwGH-Präsident Jabloner?

Huber: Ich gehe so alle sechs Wochen, aber ich leiste mir einen Sitzplatz, ich habe solche Rückenschmerzen. Eine meiner Lieblingsopern ist "Die tote Stadt" von Korngold.

STANDARD: Kenne ich nicht, klingt traurig. Sie haben Personenverkehr-AG-Chefin Wilhelmine Goldmann, SPÖ, für Ihre "Opernwerkstatt" zu einer Bühne in der Rossauer Kaserne verholfen, dann hat sie während ihrer Arbeitszeit mit ÖBB-Betriebsmitteln für den_Verein gearbeitet. Sie wollten Sie rauswerfen, sie blieb, jetzt soll sie mit Golden Handshake verabschiedet werden. Warum?

Huber: Lese ich in der Zeitung. Ich habe mit Frau Goldmann eine sehr gute Gesprächsbasis, das gehört zu Management-Reife, wir streiten nicht wie Kinder. Wir reden, wenn es etwas Neues gibt, werden wir das gemeinsam präsentieren.

STANDARD: Es geht mir um die Stimmung hier. Ein Aufsichtsrat sagt, so ein Klima wie in der ÖBB habe er noch nie erlebt, und er meint das nicht positiv. Minister Faymann sagt, das Team "zieht auseinander". Wie beschreiben Sie die Atmosphäre? Sie gelten als sehr streng.

Huber: Obwohl ich mir eine neue Brille gekauft habe, damit ich nicht so streng wirke?

STANDARD: Wirkt noch nicht.

Huber: Hab sie erst drei Wochen. Streng ist nicht das richtige Wort, wir sind ja nicht in der Schule. Wesentlich ist Konsequenz in Richtung Zielerreichung. Man kann aber nicht durch Wände gehen, muss den Umweg über die Tür nehmen.

STANDARD: Nehmen Sie den Umweg, oder die anderen?

Huber: Das ist unerheblich, es geht darum, das Ziel zu erreichen. Wir gewinnen im Team und verlieren im Team, es gewinnt nicht der Huber, und es verliert nicht der Huber. Die Stimmung im Management ist mittlerweile sehr gut. Aber wenn jemand nicht bereit ist zu kooperieren, dann ist das ein Problem für mich. Dann muss man das Team so formen, dass es zu einer echten Mannschaft wird.

STANDARD: Ohne Goldmann?

Huber: Das kommentiere ich nicht. Es geht darum, dass das, was aus meiner Sicht zu erreichen ist, auch von allen anderen gewollt wird. In weiten Bereichen ist das so.

STANDARD: Wo nicht?

Huber: Das werden Sie dann merken, wenn es repariert ist und funktioniert.

STANDARD: Funktioniert der ÖBB-Aufsichtsrat schon? Ihre Aufsichtsräte, wie Unternehmensberater Malik, haben mit der ÖBB Geschäfte gemacht. Ist das jetzt repariert?

Huber: Ja, es gibt jetzt ganz klare Regeln dafür.

STANDARD: Sie sagen, Sie sind nicht streng. Andere sagen, Sie brauchen nicht einmal eine neue ÖBB-Struktur, weil Sie überallhin durchgreifen.

Huber: Ich bin sehr zielorientiert und konsequent. Aber ich leide nicht unter Gesichtsverlust, wenn ich meine Meinung ändern muss, weil wer andrer die besseren Argumente hat.

STANDARD: Abgesehen vom Inseratenstopp, den Sie über uns und andere kritische Medien kurz verhängt hatten, haben Sie Ihre Meinung zum letzten Mal wann geändert?

Huber: Sehen Sie, auch das vertrage ich: Das mit den Inseraten war ein Fehler. Beim Umbau des Südbahnhofs habe ich zuerst sehr konsequent gefordert, beide Seiten des Bahnhofs zu sperren. Weil bei der Teilsperre der Schnellbahn in Wien hat das auch geklappt, da sind die Kunden auf die Wiener Linien umgestiegen.

STANDARD: Da merkt man, dass man ersetzbar ist.

Huber: Niemand ist unersetzbar.

STANDARD: Maria Schaumayer sagt gern, die Friedhöfe seien voll mit Unersetzbaren.

Huber: Ich war eine Woche im Krankenstand, weil ich mir beim Skifahren eine Lungenentzündung geholt habe – die Bahn ist trotzdem gefahren.

STANDARD: Bravo. Weil wir bei der schwarzen Ex-Notenbankchefin waren: Warum sind Sie mit 14 der ÖVP beigetreten?

Huber: Das war in meiner Jugend in Baden, war Gruppendynamik. Aber wenn ich im 3. Bezirk aufgewachsen wäre, wäre ich wahrscheinlich trotzdem nicht bei den Roten Falken gelandet.

STANDARD: Wo dann?

Huber: Ich weiß es nicht. Mein Großvater war sozialdemokratischer Gemeinderat in Steyrermühl und Arbeiterzentralbetriebsrat in der Papierfabrik. Ich habe keine Berührungsängste mit Sozialdemokraten.

STANDARD: Sie haben ausgerechnet in den roten ÖBB das Wort Gewerkschaft abgeschafft, reden nur von Personalvertretern. Warum?

Huber: Das stand in einem Porträt in der Presse. Weil ich im Unternehmen nicht mit Gewerkschaftern, sondern mit Betriebsräten verhandle.

STANDARD: In dem Porträt stand auch, dass Sie in Ihrer Jugend Violine spielten und Handball, und dass Sie Ihrem Bruder verboten haben, mehr über Sie zu erzählen. Warum?

Huber: Weil private Geschichten private Geschichten sind.

STANDARD: Private Schlussfrage: Worum geht's im Leben?

Huber: Mir geht's darum, möglichst viel positiv zu bewegen und aktiv zu gestalten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25.3.2007)

Zur Person
Martin Huber (47) kam im Jänner 2005 in den Führerstand der ÖBB, ist der erste schwarze Bahnchef seit 30 Jahren. Der Welser studierte Betriebswirtschaft, arbeitete für einen Wirtschaftstreuhänder, "aber die Welt der reinen Zahlen ist nichts für mich".
Also wechselte der sehr ehrgeizige Mann, der sich im Lauf seiner Karriere nicht rasend viele Freunde gemacht hat, in die Baugesellschaft Porr AG, wo schon sein Vater tätig war. Sein langjähriger Chef, Horst Pöchhacker (SPÖ), wird demnächst ÖBB-Aufsichtsratschef. Immobilien-Freak Huber ist vor Kurzem von Baden nach Wien übersiedelt, er hat zwei Söhne und eine "angeheiratete" Tochter und ein Enkelkind.
  • Martin Huber: "Wir finanzieren Investitionen mit Fremdkapital, das ist ein Unterschied zu Schulden im landläufigen Sinn."
    foto: standard/hendrich

    Martin Huber: "Wir finanzieren Investitionen mit Fremdkapital, das ist ein Unterschied zu Schulden im landläufigen Sinn."

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