Autoren-Sorge über populistische Strömungen in der EU

23. März 2007, 14:38
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Sascha Stanisic kritisiert FPÖ-Wahlkämpfe und Deutschlands Umgang mit der NPD, Wojciech Kuczok die reaktionären Kräfte in Polen

Leipzig - Große Sorge gegenüber populistischen Strömungen in der EU äußern Schriftsteller in Essays, die anlässlich der derzeit in Leipzig stattfindenden Buchmesse veröffentlicht werden. Der aus Bosnien-Herzegowina stammende und in Deutschland lebende Sascha Stanisic kritisiert insbesondere die letzten Wahlkämpfe der FPÖ in Österreich: "Elf Prozent der Wähler waren von den entsprechenden Parolen (demokratische Strukturen wurden verhöhnt, 'Sozialschmarotzer' und Ausländer stigmatisiert und zu Feindbildern deklariert) eher angetan als schockiert und wählten die FPÖ", schreibt er in seinem Beitrag für die Veranstaltungsserie "Sonntagsreden und Alltagsprobleme - Europa zwischen politischer Folklore und nationalem Populismus", die vom Literarischen Colloquium Berlin organisiert wird.

"Dass in Österreich keine nennenswerte rechtsextreme Szene existiert, der die Rechtspopulisten in die Hände spielen könnten, darf nicht als mildernder Umstand für die Entgleisungen verstanden werden", führt Stanisic weiter aus. Zur Islam-Feindlichkeit der Freiheitlichen bemerkt der Gewinner des Publikumspreises beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2005: "Hierzulande, wo man die slowenische Minderheit in Kärnten auch gerne mal als 'Gäste' bezeichnet, wird dies auch gern 'Patriotismus' genannt."

Thema NPD

An Deutschland kritisiert der Autor, dass die NPD bloß als "geringfügige gesellschaftliche Anomalie" abgetan würde. Im Land Brandenburg würde der aktuelle Verfassungsschutzbericht mehr als ein Dutzend Orte nennen, die unter Kontrolle von Rechtsextremen stünden. "Schwarzmalerei ist mir in diesen Punkten wesentlich lieber als jedes Schönreden", so Stanisic. "Fakt ist: Nicht nur Deutschland - ganz Europa verzeichnet neuerdings einen Rechtsruck. Stammtischsprüche und Hasstiraden scheinen wieder salonfähig zu werden." Dies alles befremde ihn, "zumal ich einmal schon Zeuge war, wozu der Nationalismus fähig ist, wenn er einmal Anlauf genommen hat", schreibt der gebürtige Bosnier.

Auf Österreich nimmt auch sein Kollege aus Polen, der Schriftsteller Wojciech Kuczok, Bezug: "Während meiner Autorenlesungen im Ausland frage ich gewöhnlich nach Schriftstellern, die als antipatriotisch und antinational gelten, da ich weiß, dass ich nur von ihnen die wesentlichen Wahrheiten über ihr Land erfahre, wie zum Beispiel in Österreich, wo zwei Genies für die gesamte Nachkriegsliteratur stehen: Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek."

Plen in der Ära Kaczynski

Besonders kritisch sieht der Autor die derzeitige Führung in seiner Heimat: "Seit anderthalb Jahren beobachte ich nun mit Grauen die Arbeit des Nationalen Reinigungsbetriebs, zu dem die Staatsbehörde meines Landes geworden ist", schreibt Kuczok in seinem Essay unter dem Titel "Bemerkungen über den katholischen Nationalismus".

Auf die Zwillingsbrüder Kaczynski in den Ämtern des Premierministers und des Staatspräsidenten bezogen sagt der Schriftsteller: "Diese von den Doppelgängern und ihren Helfershelfern so genannte 'IV. Republik' ist ein Gebilde, das in Anführungszeichen zu schreiben und zu sprechen ist, es bezieht sich auf eine dunkle Periode in der Geschichte des unabhängigen Polen, die nur kurz dauern und der angerichtete Schaden nicht so groß sein wird, dass er in die Geschichtsbücher eingehen müsste." In dieser Epoche herrsche eine retrospektive Gesinnung vor, mit historischem Patriotismus in der Politik, Vorkonziltendenzen in der Kirche und einer "Rhetorik der hehren Archaismen in der Sprache", so Kuczok. "Die rechten Missionare verwandeln sich, seitdem sie das Regiment führen, in Terroristen des Geistes." (APA)

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