Des Satans Domina und der Engel der Schwermut

27. Juli 2000, 11:36

Das Mondänpop-Duo "Rosenstolz" in einem derStandard.at- Interview über sexuelle Freizügigkeit, Sendeverbote und den Song Contest.

Seit knapp zehn Jahren pflegt das Duo Rosenstolz, bestehend aus Anna R. und Peter Plate, einen konsequenten Stil zwischen allen Genres - und hat damit wider Erwarten wachsenden Erfolg. Von Lieblingen der schwulen (Sub-)Kultur haben sie es in Deutschland zu breiter Popularität beim Massenpublikum - und bis in die ZDF-Hitparade geschafft. In Österreich laufen sie bislang noch eher als Geheimtipp. Das im September erscheinende neue Album und das kommende Wien-Konzert waren Anlass für ein Gespräch mit Peter Plate über die rosentolze Wesensart. Das Interview führte Jürgen Josefson.

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Foto: Polydor
derStandard.at: Könnte man sagen, ihr bewegt euch irgendwo zwischen Chanson, Schlager und Pop?

Peter Plate: Nee, als Schlager sehen wir uns überhaupt nicht. Wir schreiben einfach keine Schlagertexte. Schlager ist für uns auch eine Mentalität - und mit der haben wir überhaupt nichts zu tun. Wir lieben es einfach live zu spielen und auf der Bühne zu stehen und nicht Halb-Playbacks zu singen. Deswegen verwehren wir uns immer gegen dieses Schlager-Klischee.

derStandard.at: Eure alte Formel von "Mondän-Pop" ist also noch immer eure gültige Selbstdefinition?

Peter Plate: In Deutschland neigen die Journalisten ja dazu, einen in Schubladen zu stecken. Und da haben wir dann gesagt, bevor sie das tun, machen wir eine eigene auf und nennen das Mondän-Pop. Und insofern ist das natürlich weiterhin gültig. Trotzdem ist unsere Musik teilweise leicht mystisch, gerade Songs wie "Die schwarze Witwe" auf dem neuen Album und so - die gehen ja eher zu unseren Anfängen zurück. Und insofern fühlen wir uns in unserer eigenkreierten Schublade recht wohl.

derStandard.at: Seid ihr jemals im "Zillo", dem Grufti-Magazin, rezensiert worden? Ich könnte mir denken, so manche eurer Songs würden für die Leute ganz ansprechend sein.

Peter Plate: Das ist ja das Lustige, dass zum Beispiel als wir angefangen hatten, in der Gegend um Leipzig herum unsere ersten Konzerte überwiegend von Gruftis besucht waren. Das war ganz süß.

derStandard.at: Ich war bei einem eurer Konzerte in Müchen und hatte den Eindruck, die eine Hälfte des Publikums war schwul - und die andere waren Sekretärinnen. Seid ihr euch dessen bewusst, dass ihr auch als Projektionsfläche dient für eher biedere Leute, die nicht unbedingt das ausschweifendste Leben führen?

Peter Plate: Das glaub ich nicht ... vielleicht ein bisschen ... Ich meine ja, dass die Leute überwiegend aus unseren Texten was für sich und ihr eigenes Leben herausziehen - und das kann natürlich die Sekretärin sein, aber auch ein Grufti oder Schwule und Lesben. Das ist wirklich bunt und das ist das, was uns auch Spaß macht. Und ich finde es sehr schön, wenn zweitausend so durcheinander gemixte Leute miteinander feiern.

derStandard.at: Weil du die Texte angesprochen hast: Bei euch ist ja - denkt man an Titel wie "Engel der Schwermut", "Sei mein Gott" oder "Zarah in Ketten" - Pathos, und zwar Pathos im guten Sinne, sehr wichtig ...

Peter Plate: ... absolut ...

derStandard.at: ... aber wie verträgt sich das mit Ironie? Wäre eine ironische Betrachtung nicht Gift für die Texte?

Peter Plate: Nee, nee, das stimmt schon. Aber ich glaube schon, dass jemand, der mit großen Gesten hantiert, das dann ab und zu auch wieder brechen muss.

derStandard.at: Sex ist in euren Texten ("Der kleine Tod", "Nymphoman", "Des Satans Domina", ...) ja immer ein sehr wichtiges Thema gewesen ...

Peter Plate: Nach wie vor!

derStandard.at: Wird man mit zunehmendem "Alter" nicht allmählich ruhiger?

Peter Plate: Also, das kann ich an uns ja nicht feststellen. (lacht vergnügt) Funktioniert noch alles so wie mit zwanzig.

Foto: Polydor
derStandard.at: Was ihr in früheren Interviews erzählt habt, von wegen offene Beziehungen und so weiter ...

Peter Plate: ... das hat alles nach wie vor Gültigkeit.

derStandard.at: Habt ihr mit euren sehr eindeutigen Texten jemals Schwierigkeiten gehabt, ein Sendeverbot etwa?

Peter Plate: Naja ... die sogenannte offizielle Zensur findet ja nicht mehr statt. Wir erfahren nur, wenn wir unsere wöchentliche oder monatliche Auswertung kriegen, dass ein Lied wenig oder gar nicht gespielt wird im Radio. Zum Beispiel haben wir letztes Jahr einen "Hochzeitssong" gemacht mit Hella von Sinnen (bei dem es natürlich um die Anerkennung schwuler und lesbischer Hochzeiten geht; Anmerkung) - und der fand im Radio einfach nicht statt. Bis auf einen einzigen Berliner Jugendsender wurde der in ganz Deutschland nicht gespielt. Und bei Liedern wie "Nymphoman" seh ich dann einmal im Jahr über die Media Control, dass das im Radio überhaupt nicht lief. Wir haben da sicher auch in Deutschland ein gewisses Image weg - und haben es dadurch auch ziemlich schwer, was das Radio angeht. Aber eigentlich macht uns das nichts, wir fühlen uns ganz wohl in der Nische. Mit dem Lied "Kassengift" auf dem neuen Album spielen wir auf genau diese Situation an.

derStandard.at: Aber wenn sich euer Stil mit dem Mainstream vereinbaren ließe, hättet ihr sicher nichts dagegen?

Peter Plate: Wir würden uns sogar wünschen, oft im Radio zu laufen - aber wir werden deswegen nicht unsere Musik ändern.

derStandard.at: Es gibt ja nicht allzu viele Gruppen, die sich völlig unterschiedlicher Stilarten bedienen und dennoch immer so klingen wie sie selbst. Ist es ein Vorteil, wenn man immer sofort erkennbar ist, oder fühlt man sich auch ein wenig gefangen?

Peter Plate: Das Schöne an Rosenstolz ist ja, dass wir machen können, was wir wollen. Es sind unsere Melodien und Annas Stimme ... "Amo vitam", die neue Single, lief in Berlin im Radio, und da sollten die Hörer anrufen und raten, wer das ist. Und das klang ja nun wirklich anders - wie "Deine Lakaien" und dann noch im Dance-Mix. Und trotzdem haben die Hörer sofort Annas Stimme erkannt. Also ich empfinde das eher als Vorteil.

derStandard.at: Die Single klingt wie Depeche Mode mit einer Arie darüber gesungen.

Peter Plate: (lacht) Dankeschön. Das hat sich so ergeben, dass wir den Daniel dazu geholt haben, das ist ein junger Programmer und Keyboarder. Und der hat diese Sounds angeschleppt und uns täglich aufs Neue überrascht damit. Geplant war bei dem Album eigentlich gar nichts. Wir sind ins Studio gegangen und haben gesagt: so, jetzt machen wir mal. Das einzige, was fertig war, das war, dass wir die Songs geschrieben hatten. Für die Arragements und so waren wir sehr offen diesmal.

derStandard.at: Ihr habt vor zwei Jahren an der deutschen Songcontest-Vorausscheidung teilgenommen und seid Zweite geworden. Und wenn in dem Jahr nicht von vorneherein festgestanden hätte, dass Guildo Horn gewinnen wird, dann wäret ja eigentlich ihr zum Song Contest gefahren. Seid ihr darüber traurig?

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Peter Plate: Nee. Das wird jetzt im Nachhinein immer so verklärt, von wegen: "Hätte Guildo nicht gewonnen, hättet ihr gewonnen ..." - Aber für uns hat sich das ganz anders dargestellt. Wir waren maßlos erstaunt, dass wir überhaupt Zweite wurden und sind sehr sehr glücklich darüber.

derStandard.at: Genug für eine weitere Bewerbung?

Peter Plate: Nein. Das war definitiv, was Rosenstolz angeht, ein einmaliges Erlebnis. Wir wollen das auf gar keinen Fall wiederholen, denn auch da ist das in Deutschland so, dass wir in so einer Grand Prix-Band-Schublade landen würden. Und das wollen wir auf gar keinen Fall.

derStandard.at: Hat sich diese Aktion auf eure Plattenverkäufe ausgewirkt?

Peter Plate: Doch, es hat uns definitiv genutzt. Aber wir denken da weniger in Zahlen. Es war eher so, dass es uns einen Riesenspaß gemacht hat.

derStandard.at: Auf jedem Rosenstolz-Album trägt ein Lied den Namen eines Monats, und zwar in fortlaufender Reihenfolge (auf dem Neuen ist es "Septembergrau"). Ist es beim Dezember-Song mit Rosenstolz vorbei?

Peter Plate: Nein. Nein. Definitiv machen wir weiter. Wir haben ja jetzt gerade zehn Jahre rum, und mindestens noch weitere dreißig vor uns. Im Moment sind wir wirklich auf der Pop-Welle. Das macht uns im Moment Spaß, dass man nach unserer Musik auch tanzen kann. Wir gehen auch in Richtung Tanz-Mixe. - Sicherlich kann das beim nächsten Album schon wieder ganz anders aussehen. Wir sind da gefühlsabhängig.

derStandard.at: Alle Fragen sind gestellt. Was würdest du abschließend noch gerne sagen?

Peter Plate: Dass wir uns auf das Konzert in Wien freuen. Ich bin sehr gespannt.

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Rosenstolz treten am 26.9. in der Szene Wien auf. Ihr neues Album "Kassengift" erscheint am 4.9., die Single "Amo vitam" ist ab 21.8. erhältlich.

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