Die Nomaden kommen

30. März 2007, 12:59
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Die designierten dietheater-Leiter Thomas Frank und Haiko Pfost sollen die freie Theaterszene in Wien international einbinden - Drei Programmmodule sind dafür schon fix

Wien - Sie sind jetzt die Hoffnungsträger der freien Wiener Theaterszene und strahlen das auch aus: Thomas Frank und Haiko Pfost, beide 35, derzeit noch in Berlin tätig, übernehmen im Herbst die dietheater-Leitung. Das von Christian Pronay (bis vor wenigen Jahren gemeinsam mit Anna Thier) geführte Tandem aus Künstlerhaustheater und Konzerthauskeller soll jetzt unter einer neuen Generation ausgewiesener Programmnetzwerker jene professionellen Produktionszusammenhänge eröffnen, die die freie Szene seit Langem mit der Forderung nach einem Koproduktionshaus verbunden sieht.

Im letzten November wurden Frank und Pfost bestellt, und im kommenden November soll's unter neuem, noch unbekannten Namen losgehen. Ob der Termin halten wird, liegt nicht zuletzt an der Entscheidungsfähigkeit der Stadt Wien, die u. a. noch Umbaumaßnahmen im Künstlerhaus gewähren muss (Wiedereröffnung des Barraums im ersten Stock oder Beschattungsmaßnahmen, denn unter dem (undichten) Glasdach hat es im Sommer mehr als 40 Grad).

Alternativen

Obwohl die bescheidenen Räumlichkeiten mit jenen des Tanzquartiers in keiner Weise vergleichbar sind, gibt sich Pfost zufrieden: "Ich finde den Ort nicht verkehrt. Und für größere Produktionen kann man von Fall zu Fall Alternativen überlegen. Lieber erst mal kein Klotz am Bein."

Dass die freie Szene im Zuge der Wiener Theaterreform aber das gesamte Künstlerhaus gefordert hatte, leuchtet seinem Kollegen Frank ein: "Das ist ein vernünftiger Wunsch, ehrlich gesagt. Wenn man es als Gesamtensemble eines Künstlerhauses ernst nehmen würde - das Kino, den Ausstellungsraum mit Orchestergraben - wäre vieles zu machen. Doch die Eigentumsverhältnisse sprechen dagegen. An den Künstlerhausverein zahlt die künftige GmbH von ihren 1,5 Millionen Euro Gesamtbudget satte 300.000 Miet- und Betriebskosten.

Für das Theater des Augenblicks im 18. Bezirk, das den designierten Leitern angetragen wurde, müsste aber neues Geld fließen. "Das ist im Rahmen des jetzigen Budgets natürlich nicht machbar. Aber es wäre sehr wichtig, eine Werkstattbühne zu haben. Uns schwebt eine Mischung aus Probebühne, Lab und Festivalspielort vor."

Zwischennutzungen

Größere Produktionen, die die Blackboxmaßstäbe des Künstlerhaustheaters sprengen, sollen an temporär angemietete Stätten verlagert werden. Stichwort Industriebrache, Zwischennutzungen.

So, wie es das theatercombinat schon seit Jahren macht. Das von Claudia Bosse betriebene Label zählt für Frank und Pfost zu den vor Ort interessantesten (sichtbaren) Formationen, ebenso toxic dreams oder Superamas. "Das Potenzial ist in Wien vorhanden, doch es wurde versäumt, an internationalen Entwicklungen zu partizipieren. Die Vernetzung der freien Szene ist ja keine fixe Idee von einigen Kuratoren, sondern trägt dem Umstand Rechnung, dass künstlerische Biografien nicht mehr an einzelne Orte gebunden sind, sondern sich zunehmend nomadisch definieren. Und genau in dieser Flexibilität und Offenheit liegt die Chance des vernetzten Produzierens." Genau dafür hat man die beiden geholt: Um Wien international einzubinden.

Folgende Module sind dafür geplant: 1.) Anbindung ans Freischwimmer-Festival, 2.) Fortführung von imagetanz und 3.) Expedition: eine in Form von Workshops betriebene vernetzende Nachwuchsförderung mit Gasthuis Amsterdam und Laboratoire d'Aubervilliers in Paris. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.3.2007)

  • Noch regnet es durchs Dach ihres künftigen Theaterhauses, dennoch ziehen Haiko Pfost und Thomas Frank (re.) von Berlin nach Wien.
    foto: standard/hendrich

    Noch regnet es durchs Dach ihres künftigen Theaterhauses, dennoch ziehen Haiko Pfost und Thomas Frank (re.) von Berlin nach Wien.

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