Osteuropa: Handel verletzt Arbeitsgesetz

11. April 2007, 13:09
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Die Schattenseiten der Expansion des Handels laut Gewerkschafter: Arbeitszeitregelungen werden umgangen, Kollektivverträge verhindert und Betriebsräte verboten

Wien - Internationale Einzelhandelsketten decken den Osten mit neuen Märkten ein. Sie modernisieren veraltete Filialstrukturen, erweitern das Warenangebot und senken die oft überzogenen Preise. Die Kehrseite der Expansion: Die Arbeitsbedingungen für die Handelsmitarbeiter haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert, sagen osteuropäische Gewerkschafter.

"Österreichische und internationale Ketten stecken nach dem Überschreiten der Staatsgrenze ihre Visitenkarten der Sozialpartnerschaft weg", sagt GPA-Sekretär Manfred Wolf. Viele Konzerne weigerten sich Kollektivverträge abzuschließen, bezahlten generell keine Überstunden und versuchten, Betriebsräte zu verhindern.

Andere Maßstäbe

"Die Handelsketten setzen in Osteuropa andere Maßstäbe an als etwa in Deutschland oder Österreich", sagt Eva Batke, Vizepräsidentin der ungarischen Handelsgewerkschaft, dem Standard. Es gebe etliche Beschwerden über Firmen wie DM, Penny und Plus. Auch bei Kika häuften sich arbeitsrechtliche Fragen. Laut Batke würden vor allem Diskonter Arbeitszeitregelungen umgehen. Gesetzlich geregelte Urlaube würden nicht gewährt, Ausbildung werde vernachlässigt.

Dass Konzerne in In- und Ausland nicht selten mit zweierlei Mass messen, bestätigt auch der rumänische Gewerkschaftspräsident Vasile Gogescu. Gegen die Gewerkschaft werde generell mobil gemacht, Betriebsräte gebe es nicht - das gelte auch für Rewe. Gogescu erkennt an, dass die internationalen Konzerne gerade bei Lebensmitteln viel zur Preissenkung für die ärmere Bevölkerung beitragen und für mehr Konkurrenz unter den Produzenten sorgten. Fakt sei aber auch, dass Arbeitszeiten nicht korrekt bezahlt und oft nur die Hälfte der erforderlichen Arbeitskräfte eingestellt werden.

Viele Werkverträge

"80 Prozent der neuen Arbeitsverhältnisse basieren auf Werkverträgen", sagt Dragica Miseljic, seine kroatische Kollegin. 2005 seien 53 Mio. Stunden unbezahlt gearbeitet worden. "Wer für bessere Arbeitsbedingungen eintritt, ist den Job los." Und bei einer Arbeitslosenquote von 17 Prozent sei der Mut aufzubegehren klein.

Slowenien hat die Handelsflächen von 1991 bis 2003 um 40 Prozent ausgebaut, die Zahl der Handelsangestellten blieb unverändert, sagt Franci Lavrac, Präsident der Handelsgewerkschaft in Slowenien.

Peter Zeitler von der Bundessparte Handel in der Wirtschaftskammer Österreich, ist hingegen überzeugt, dass die österreichischen Handelskonzerne im Ausland nicht anders agieren als im Inland. Hier sei die Arbeitszufriedenheit der Handelsangestellten überwiegend hoch. Es gebe in Osteuropa allerdings andere rechtliche Rahmenbedingungen als in Österreich. "Ich gehe davon aus, dass geltende Bestimmungen eingehalten werden." (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.7.2007)

  • Internationale Handelsmultis decken Osteuropa mit neuen modernen Märkten ein. Die Preise sinken, doch der Druck auf die Mitarbeiter hat sich stark erhöht.
    foto: standard/corn

    Internationale Handelsmultis decken Osteuropa mit neuen modernen Märkten ein. Die Preise sinken, doch der Druck auf die Mitarbeiter hat sich stark erhöht.

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