Moskau hat den Krieg in Tschetschenien noch nicht gewonnen

31. Juli 2000, 19:45

Der Widerstand lebt

Moskau - "Wir hören jeden Tag, es gebe keinen Krieg in Tschetschenien", sagt Alexei Malaschenko, Tschetschenien-Experte im Moskauer Büro der Carnegie-Stiftung. "Aber das ist eine Lüge, der tschetschenische Widerstand lebt", kommentiert Pavel Felgenhauer, der führende unabhängige Militärexperte in Moskau.

Obwohl die Zahl der Untergrundkämpfer nach Angaben des russischen Militärs nur noch etwa 1.500 betragen soll, sind diese stark genug, den Russen schmerzhafte Verluste zuzufügen. Und die Armee scheint umgekehrt unfähig, solche Angriffe zu verhindern. "Die russischen Truppen sind nicht nur unprofessionell, sie sind auch korrupt", erklärt Felgenhauer. "Bestechung kann dir die Freiheit bringen, und das bedeutet, dass die wirklich Schuldigen wahrscheinlich nie ins Gefängnis kommen." Die Konsequenz ist für ihn klar: "Ich glaube, am Ende ist ein Rückzug unvermeidlich."

Andere teilen diese Meinung nicht. Sie verweisen darauf, dass sich Russland in einer besseren Situation befinde als im letzten Tschetschenien-Krieg, der 1996 mit einem erniedrigenden Rückzug der russischen Truppen endete. Der Widerstand der Tschetschenen sei schwächer als damals und sie befinden sich offensichtlich nicht unter einem einheitlichen Kommando.

Abgesehen davon hat der russische Präsident Wladimir Putin - anders als sein Vorgänger Boris Jelzin im letzten Krieg - noch kein Angebot für Verhandlungen oder einen einseitigen Waffenstillstand unterbreitet. Eine politische Lösung, so Putin, sei erst möglich, wenn alle "Banditen und Rebellen" vernichtet seien. Diese Aussage zurückzunehmen würde den Präsidenten politisch teuer zu stehen kommen. Das meint auch Malaschenko. Er könne nicht erkennen, dass Moskau seine Tschetschenien-Politik überdenke. Das werde nicht immer so bleiben, aber vielleicht noch einige Wochen, Monate oder sogar Jahre. (APA/AP)

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