Wolf Suschitzky: Chronist hinter der Kamera

Redaktion, 22. März 2007, 13:24
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    foto: filmexil@synema.at

    Wolfgang Suschitzky bei Dreharbeiten, späte Sechzigerjahre

Aus Wien gebürtiger Fotograf und Kameramann ist einer der bedeutendsten Vertreter des Dokumentarfilms und der Reportage- und Porträt-Fotografie Großbritanniens

Graz - Mit dem Tribute an Wolf Suschitzky würdigt die diesjährige Diagonale in Kooperation mit Synema und dem Österreichischen Filmmuseum einen der bedeutendsten Vertreter des britischen Dokumentarfilms und der Reportage- und Porträt-Fotografie. Der gebürtige Wiener ist zugleich einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen und Protagonisten des deutschsprachigen Exils in Großbritannien. In seiner Heimat muss der Kameramann und Fotograf, der am 29. August seinen 95. Geburtstag feiert, erst noch gebührend entdeckt werden.

Sozialistische Buchhandlung

Dabei stammt Wolf Suschitzky aus einer berühmten jüdischen Familie. Sein Vater Wilhelm und sein Onkel Philipp Suschitzky gründeten 1901 im Arbeiterbezirk Favoriten Wiens erste sozialistische Buchhandlung und später den auf sozialkritische Literatur spezialisierten Anzengruber Verlag Brüder Suschitzky, der bis 1934 u.a. aufklärerische Schriften von Rosa Mayreder, Hugo Bettauer, David Josef Bach und dem Arbeiterdichter Alfons Petzold herausbrachte. Das soziale Engagement, zu dem sich Wolf Suschitzky zeitlebens bekannte, war ihm somit in die Wiege gelegt. An der frühen britischen Dokumentarfilmbewegung schätzte er besonders, "dass sie es sich zum Ziel gesetzt hatte, Filme zum Wohl der Gesellschaft zu drehen", und bis heute ist der Wahl-Londoner überzeugter Sozialdemokrat.

Bauhaus

Suschitzkys erstes Interesse galt den Tieren, ein Zoologie-Studium scheiterte allerdings an mangelnden Lateinkenntnissen. Angeregt von seiner um vier Jahre älteren Schwester, die die Fotografie-Klasse am Dessauer Bauhaus besucht hatte und ebenfalls eine wichtige Fotografin wurde, absolvierte er eine Foto-Ausbildung an der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, wo der vor allem für seine Tanzfotos berühmte Rudolf Koppitz zu seinen Lehrern gehörte. 1934 verließ er mit seiner späteren Frau Österreich. Suschitzkys Vater hatte sich nach den Februar-Unruhen das Leben genommen, die Buchhandlung wurde später arisiert, sein Onkel und dessen Frau nach Auschwitz deportiert.

Leine Arbeitserlaubnis in London

Als er in London, wohin seine Schwester geheiratet hatte, keine Arbeitserlaubnis erhielt, eröffnete Wolf Suschitzky zunächst ein Studio in Amsterdam und fotografierte jüdische Elendsviertel. 1935 ging er zurück nach London und machte sich dort rasch einen Namen als Fotoreporter, unter anderem mit eindringlichen Aufnahmen der Bergarbeitergebiete von Wales, die er zusammen mit seiner Schwester ablichtete. Seiner legendären Fotoserie der Charing Cross Road, in der sich fast alle Buchhandlungen Londons konzentrierten, verdankte er schließlich 1937 ein Engagement als Kameraassistent bei Paul Rotha, einem der Gründerväter des britischen Dokumentarfilms.

Nach Kriegsausbruch wurde Suschitzky als Ausländer kurzfristig mit Arbeitsverbot im Filmbereich belegt, nahm eine Stellung als Werbefotograf einer medizinischen Firma an und publizierte eine Reihe von Ratgebern vor allem für Tier- und Kinderfotografie, die heute rare Sammlerstücke sind. 1942 trat er als "Director of Photography" wieder bei Rotha ein und drehte Kurzfilme für das britische Informationsministerium. 1944 war er Mitbegründer der ersten britischen Filmkooperative DATA (Documentaray Technicians Alliance), die u.a. eine Art monatliche "Wochenschau" für die Bergarbeitergemeinden produzierte. Für Rothas "No Resting Place" stand er 1950 erstmals für einen Spielfilm hinter der Kamera.

Drehs "on location"

Heute blickt Wolf Suschitzky als Kameramann und Spezialist für improvisierte Drehs "on location" auf ein Werk von rund 200 Kino-, Dokumentar- und Fernsehfilmen u.a. für den Sender NBC zurück, die ihn in die ganze Welt führten. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen der Gangster-Klassiker "Get Carter" (1971) mit Michael Caine, der Oscar-prämierte Kurzfilm "The Bespoke Overcoat" (1956) und die für einen Oscar nominierte Kurzdoku "Snow" (1963) sowie die Joyce-Verfilmung "Ulysses" (1967), die ihm den Britischen Academy Award eingebracht hat.

Parallel dazu ist sein über 10.000 Bilder umfassendes fotografisches Oeuvre entstanden, das weltweit in renommierten Galerien und Museen vertreten ist. Suschitzky war u.a. einer der ersten, die veritable Tier-Porträts knipsten. Sein vielseitiges Schaffen umfasst aber auch Aufnahmen prominenter Künstler oder Politiker, Kinderbilder oder Einblicke in die Arbeitswelt und fremde Kulturen.

Offizielle Würdigung in Österreich noch ausständig

1998 war er in einer von Anna Auer konzipierten Ausstellung österreichischer Exilfotografen in der Kunsthalle Wien vertreten, kuratiert von Johannes Faber, der in seiner Galerie parallel dazu die Arbeit der Geschwister Wolf Suschitzky und Edith Tudor Hart präsentierte. Vergangenen Sommer fand im Literaturhaus Wien eine von Synema und der Österreichischen Exilbibliothek organisierte Foto-Schau statt, in deren Rahmen auch das erste ihm gewidmete Buch "Wolf Suschitzky. Photos" herauskam, das 2008 durch einen Synema-Filmband ergänzt werden soll.

Die Ausstellung war Anfang dieses Jahres auch im Österreichischen Kulturforum in London zu sehen, begleitet von einer Filmretrospektive, die auch Arbeiten von Peter Suschitzky zeigte: Sein Sohn, ein gefragter Kameramann u.a. von David Cronenberg, führt wie der ebenfalls im Filmgeschäft erfolgreiche Enkel Adam die Suschitzky-Dynastie hinter der Kamera weiter. Eine offizielle Würdigung Wolf Suschitzkys in Österreich ist indes noch ausständig. (APA)

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