Aus Wien gebürtiger Fotograf und Kameramann ist einer der bedeutendsten Vertreter des Dokumentarfilms und der Reportage- und Porträt-Fotografie Großbritanniens
Graz - Mit dem Tribute an Wolf Suschitzky würdigt die
diesjährige Diagonale in Kooperation mit Synema und dem
Österreichischen Filmmuseum einen der bedeutendsten Vertreter des
britischen Dokumentarfilms und der Reportage- und Porträt-Fotografie.
Der gebürtige Wiener ist zugleich einer der letzten noch lebenden
Zeitzeugen und Protagonisten des deutschsprachigen Exils in
Großbritannien. In seiner Heimat muss der Kameramann und Fotograf,
der am 29. August seinen 95. Geburtstag feiert, erst noch gebührend
entdeckt werden.
Sozialistische
Buchhandlung
Dabei stammt Wolf Suschitzky aus einer berühmten jüdischen
Familie. Sein Vater Wilhelm und sein Onkel Philipp Suschitzky
gründeten 1901 im Arbeiterbezirk Favoriten Wiens erste sozialistische
Buchhandlung und später den auf sozialkritische Literatur
spezialisierten Anzengruber Verlag Brüder Suschitzky, der bis 1934
u.a. aufklärerische Schriften von Rosa Mayreder, Hugo Bettauer, David
Josef Bach und dem Arbeiterdichter Alfons Petzold herausbrachte. Das
soziale Engagement, zu dem sich Wolf Suschitzky zeitlebens bekannte,
war ihm somit in die Wiege gelegt. An der frühen britischen
Dokumentarfilmbewegung schätzte er besonders, "dass sie es sich zum
Ziel gesetzt hatte, Filme zum Wohl der Gesellschaft zu drehen", und
bis heute ist der Wahl-Londoner überzeugter Sozialdemokrat.
Bauhaus
Suschitzkys erstes Interesse galt den Tieren, ein Zoologie-Studium
scheiterte allerdings an mangelnden Lateinkenntnissen. Angeregt von
seiner um vier Jahre älteren Schwester, die die Fotografie-Klasse am
Dessauer Bauhaus besucht hatte und ebenfalls eine wichtige Fotografin
wurde, absolvierte er eine Foto-Ausbildung an der Höheren Graphischen
Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, wo der vor allem für seine
Tanzfotos berühmte Rudolf Koppitz zu seinen Lehrern gehörte. 1934
verließ er mit seiner späteren Frau Österreich. Suschitzkys Vater
hatte sich nach den Februar-Unruhen das Leben genommen, die
Buchhandlung wurde später arisiert, sein Onkel und dessen Frau nach
Auschwitz deportiert.
Leine Arbeitserlaubnis in London
Als er in London, wohin seine Schwester geheiratet hatte, keine
Arbeitserlaubnis erhielt, eröffnete Wolf Suschitzky zunächst ein
Studio in Amsterdam und fotografierte jüdische Elendsviertel. 1935
ging er zurück nach London und machte sich dort rasch einen Namen als
Fotoreporter, unter anderem mit eindringlichen Aufnahmen der
Bergarbeitergebiete von Wales, die er zusammen mit seiner Schwester
ablichtete. Seiner legendären Fotoserie der Charing Cross Road, in
der sich fast alle Buchhandlungen Londons konzentrierten, verdankte
er schließlich 1937 ein Engagement als Kameraassistent bei Paul
Rotha, einem der Gründerväter des britischen Dokumentarfilms.
Nach Kriegsausbruch wurde Suschitzky als Ausländer kurzfristig mit
Arbeitsverbot im Filmbereich belegt, nahm eine Stellung als
Werbefotograf einer medizinischen Firma an und publizierte eine Reihe
von Ratgebern vor allem für Tier- und Kinderfotografie, die heute
rare Sammlerstücke sind. 1942 trat er als "Director of Photography"
wieder bei Rotha ein und drehte Kurzfilme für das britische
Informationsministerium. 1944 war er Mitbegründer der ersten
britischen Filmkooperative DATA (Documentaray Technicians Alliance),
die u.a. eine Art monatliche "Wochenschau" für die
Bergarbeitergemeinden produzierte. Für Rothas "No Resting Place"
stand er 1950 erstmals für einen Spielfilm hinter der Kamera.
Drehs "on location"
Heute blickt Wolf Suschitzky als Kameramann und Spezialist für
improvisierte Drehs "on location" auf ein Werk von rund 200 Kino-,
Dokumentar- und Fernsehfilmen u.a. für den Sender NBC zurück, die ihn
in die ganze Welt führten. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen der
Gangster-Klassiker "Get Carter" (1971) mit Michael Caine, der
Oscar-prämierte Kurzfilm "The Bespoke Overcoat" (1956) und die für
einen Oscar nominierte Kurzdoku "Snow" (1963) sowie die
Joyce-Verfilmung "Ulysses" (1967), die ihm den Britischen Academy
Award eingebracht hat.
Parallel dazu ist sein über 10.000 Bilder umfassendes
fotografisches Oeuvre entstanden, das weltweit in renommierten
Galerien und Museen vertreten ist. Suschitzky war u.a. einer der
ersten, die veritable Tier-Porträts knipsten. Sein vielseitiges
Schaffen umfasst aber auch Aufnahmen prominenter Künstler oder
Politiker, Kinderbilder oder Einblicke in die Arbeitswelt und fremde
Kulturen.
Offizielle Würdigung in Österreich noch ausständig
1998 war er in einer von Anna Auer konzipierten Ausstellung
österreichischer Exilfotografen in der Kunsthalle Wien vertreten,
kuratiert von Johannes Faber, der in seiner Galerie parallel dazu die
Arbeit der Geschwister Wolf Suschitzky und Edith Tudor Hart
präsentierte. Vergangenen Sommer fand im Literaturhaus Wien eine von
Synema und der Österreichischen Exilbibliothek organisierte
Foto-Schau statt, in deren Rahmen auch das erste ihm gewidmete Buch
"Wolf Suschitzky. Photos" herauskam, das 2008 durch einen
Synema-Filmband ergänzt werden soll.
Die Ausstellung war Anfang
dieses Jahres auch im Österreichischen Kulturforum in London zu
sehen, begleitet von einer Filmretrospektive, die auch Arbeiten von
Peter Suschitzky zeigte: Sein Sohn, ein gefragter Kameramann u.a. von
David Cronenberg, führt wie der ebenfalls im Filmgeschäft
erfolgreiche Enkel Adam die Suschitzky-Dynastie hinter der Kamera
weiter. Eine offizielle Würdigung Wolf Suschitzkys in Österreich ist
indes noch ausständig. (APA)