Gospel für Atheisten

30. März 2007, 16:51
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Für sein Projekt Soulsavers versammelt Produzent Rich Machin die gottvollen Stimmen von Mark Lanegan, Bonnie "Prince" Billy und P. W. Long

Von so einer Konstellation konnte selbst ein Fanboy nur in seinen kühnsten Vorstellungen träumen: Will Oldham alias Bonnie "Prince" Billy, P. W. Long und Mark Lanegan in einer Band! Dieser Traum erfüllt sich auf dem zweiten Album des Briten Rich Machin alias Soulsavers nicht nur, er geht auch auf. Denn so ein Gipfeltreffen von drei der originärsten Interpreten unserer Zeit könnte als allzu üppiges Gericht auch leicht unverdaulich ausfallen.

Doch Machin erweist sich als eloquenter Regisseur, der es versteht, die Zutaten richtig zu dosieren. Damit führt er das bedeutungsvoll It's Not How Far You Fall, It's The Way You Land benannte Album in eine Richtung, die sich bislang noch niemand ausgedacht hat: Er verschränkt TripHop mit Gospel. Bei Erwähnung des Begriffs TripHop entweicht Machin im Interview erwartungsgemäß ein Unmutsgeräusch. Er spricht lieber von "Gospel with a rocking edge".

Referenzhölle

Immerhin befänden sich auf dem Album kaum programmierte Stücke, die meisten seien mit traditionellen Instrumenten eingespielt worden, die trägen Rhythmen jedoch, das gesteht er gerne ein, die könne man auch bei Portishead oder Tricky finden. Damit ist die Referenzhölle auch schon überstanden. It's Not How Far You Fall, It's The Way You Land ist ein originäres Meisterwerk. Keine trendige Modeplatte, sondern eine zwischen die Zeiten gesetzte Arbeit.

Warum kommt jemand mit einem Clubsound-Background ausgerechnet auf Gospel? Machin: "Ich wollte nie zwei Mal dasselbe Album machen. Mich interessieren und beeinflussen so viele Stile, und daraus versuche ich eben etwas zu gestalten. Gospel war Zufall: Als ich den Chor, der auf Paper Money singt, bat, auch das Stück Revival zu singen, offenbarte sich plötzlich, dass dieses perfekt als Spiritual funktioniert. Lanegans Stimme dazu - und es fügte sich wie von selbst."

Höhere Gefilde

Tatsächlich scheint Lanegan zurzeit nicht viel falsch machen zu können - sieht man einmal vom enttäuschenden Album mit Isobel Campbell ab: Der frühere Sänger der Seattle-Band Screaming Trees, Gaststimme bei den Queens Of The Stone Age und begnadeter Solokünstler, hebt Revival und sechs andere Stücke in höhere Gefilde. Machin: "Ich bin ein großer Fan von Lanegan. Als er in England auf Tour war, gab ich ihm mein erstes Album. Später meldete er sich und meinte, wir sollten etwas zusammen machen. Als Mark mich dann für die Aufnahmen besuchte, sprachen wir viel über Musik. Er ist ein absoluter Musikfreak mit einem extrem weiten Wahrnehmungsradar und einer tiefen Leidenschaft. Er kennt fast alles: von altem Blues bis zur Hardcore-Elektronik. Und auch er versucht gerne Neues."

Und schließlich trafen sich erstmals auch Lanegan und Will Oldham, die die Neil-Young-Ballade Through My Sails im Duett singen. Machin: "Beide sind große Fans des jeweils anderen. Ich saß im Studio und war überwältigt, diese beiden Helden von mir für meine Platte aufzunehmen." P. W. Long, der dritte Gastsänger, war früher das charismatische Brülltier bei der viel zu kurzlebigen US-Band Mule und erfüllt hier den eingeforderten rockigen Zugang. Neben Eigenkompositionen befinden sich drei Coverversionen auf dem Album: jene von Neil Young, dazu No Expectations von den Rolling Stones und das auch von Johnny Cash ergreifend interpretierte Stück Spiritual von Spain. Machin: "Josh Hayden von Spain war der Sänger auf meinem ersten Album, seitdem gehört er für mich quasi zur Familie. Er hatte keine Zeit mitzumachen, aber ich hielt es für eine schöne Geste, eines seiner Stücke zu verwenden. Nachdem das Album diesen Gospel-Touch entwickelte, lag Spiritual nahe." Für Skeptiker: Das Album ist kein Predigtdienst. Machin und seine Sänger fügen lediglich mit viel Gespür zwei Spielarten zusammen. Die Ergebnisse sind erstaunlich und erin- nern stellenweise an die wunderbaren Soundskulpturen von This Mortal Coil.

Die Bezeichnung "Gospel für Atheisten" findet Machin zutreffend. Was hat es mit dem Albumtitel auf sich: "Er bedeutet ,We all fuck up'. Wichtig ist, wie wir damit umgehen. Ob wir aus Fehlern lernen oder uns wie Idioten in sie verrennen". Absolution erteilt. (Karl Fluch, Rondo, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.3.2007)

Soulsavers: It's Not How Far You Fall, It's The Way You Land (V2/Edel) Ab 30.3. im Handel
  • Rich Machin und Mark Lanegan.
    foto: standard/steve gullick/soulsavers press

    Rich Machin und Mark Lanegan.

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