"Männer langweilen mich"

26. März 2007, 17:00
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Die in Mailand lebende Fotografin Brigitte Niedermair siedelt ihre Bilder konsequent zwischen Mode und Kunst an - Jetzt widmet ihr die Stadtgalerie Schwaz eine Ausstellung

Auf das Geschlecht kam es an. Nicht Männer saßen rund um die Tafel, auf der das letzte Abendmahl gereicht wurde, sondern zwölf Frauen. Allesamt Models, jung und schön und makellos. Sie trugen Mode des französischen Designerduos Marithé und François Girbaud, doch diese Tatsache war es weniger, die die Werberichter in Italien, Frankreich und den USA am Sujet von Brigitte Niedermair störte. Es war das Geschlecht.

Das Verbot der unheiligen Inszenierung, das Brigitte Niedermair mit einem Schlag bekannt machte, versteht die Fotografin auch Jahre nach dem Skandal nicht: "Ich bin nicht Oliviero Toscani", sagt sie entrüstet, "es geht mir nicht um Provokation." Dabei hat sie mit dem berühmten Benetton-Fotografen, der küssende Nonnen oder Aids-Kranke am Sterbebett fotografierte, einiges gemein. Auch ihre Fotografien arbeiten mit kulturellen Symbolen. Nicht selten sind es in Bildern umgesetzte Metaphern, deren Gehalt allerdings nicht so einfach auflösbar ist. Tabubrüche à la Toscani spielen dabei weniger eine Rolle. "Nachhaltigkeit" ist ein Wort, das Niedermair besonders gern in den Mund nimmt. Ihr Thema: Repräsentationen von Weiblichkeit.

Zwischen Kunst und Kommerz

In der Modefotografie lässt sich dieser Anspruch kaum umsetzen. Und doch reüssierte Niedermair in diesem Genre. Mit 19 zog die 1971 in Meran geborene Südtirolerin nach Mailand, arbeitete dort für Fotografen, schließlich als Casting Director bei großen Produktionsfirmen. Nach einem Ausflug nach Miami kehrt sie nach Mailand zurück ("Dieser Stadt verdanke ich alles") und gründet hier 1997 ihr eigenes Fotostudio. Aus der anfänglichen Kunstfotografin wurde eine Mode- und Werbespezialistin.

Doch so wirklich trennen lässt sich das für Brigitte Niedermair nicht: "Kunst- und Modefotografie, wo ist da schon genau der Unterschied? Hier wie dort bin ich eine Außenseiterin." Für Modefotografen ist Niedermair eine Künstlerin, für die Kunstszene ist sie ungewöhnlich eng mit dem schnöden Kommerz verbunden. Das mag man in dieser Szene bekanntlich weniger. (Dabei blendet man ohne Bedenken aus, dass das Kunstsystem selbst nach Geschäftsinteressen funktioniert.) Wahrscheinlich ist diese Position Niedermairs zwischen den Genres aber ihr größter Vorteil. Genre-Begrenzungen existieren für sie nicht: So findet sich der Arm eines eingeölten Modells im Rectum einer Kuh wieder, eine Friedenstaube lässt ihr Köpfchen hängen oder eine Frau in der Grödner Tracht sitzt mit gespreizten Beinen da. Die Bilder operieren mit Fruchtbarkeitsdarstellungen genauso wie sie die Grenze zwischen Heiligem und Profanem verwischen. Die Unbestimmtheit der Position Niedermairs im kulturellen Feld korrespondiert dabei mit der Offenheit ihrer Bilder. Besonders deutlich ist das bei Niedermairs Bildern mit verschleierten Frauen: Ein lasziv daliegendes "Blond Girl", das uns ihren Nabel präsentiert, ist weder als Kritik am Islam noch als Erotik-Darstellung zu verstehen. "Eine eindeutige Interpretation des Fotos gibt es nicht", meint die Künstlerin, und schiebt dann hinterher: "Das interessiert mich auch nicht."

Inszenierung der Inszenierung

Vielleicht ist es genau diese Offenheit, die Niedermair mit der Besonderheit ihres eigenen, "weiblichen Blicks", umschreibt. "Männer langweilen mich", sagt sie, "aber wenn es sein muss, fotografiere ich auch sie." Derzeit begleitet Niedermair, die sich seit einigen Jahren in erster Linie um ihre künstlerischen Projekte kümmert, die Society-Dame Renate Hirsch-Giacomuzzi durch verschiedene Promi-Events. Eine Inszenierung der Inszenierung, wie sie selbst es nennt, dokumentarische Ambitionen hat sie weniger. Das unterscheidet sie auch von einer Fotografin wie Bettina Rheims, an deren I.N.R.I.-Serie man angesichts des letzten Abendmahls unwillkürlich denken muss. "In keinem meine Bilder wird etwas dem Zufall überlassen", meint sie selbst. Ihre besten Fotos kriegen dadurch die Qualität beinahe archaischer Sinnbilder - allerdings solcher, die eher verstören als erklären. (Stephan Hilpold/Der Standard/Rondo/23/03/2007)

Brigitte Niedermair "somewhere" bis 28. 4. in der Stadtgalerie Schwaz
  • Die Freidenstaube lässt ihr Köpfchen hängen: Es sind solche beinahe archaischen Sinnbilder, die im Werk Brigitte Niedermaiers besonder faszinieren
    foto: stadtgalerie schwaz

    Die Freidenstaube lässt ihr Köpfchen hängen: Es sind solche beinahe archaischen Sinnbilder, die im Werk Brigitte Niedermaiers besonder faszinieren

  • Artikelbild
    foto: stadtgalerie schwaz
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  • Die Fotografin Brigitte Niedermair
    foto: stadtgalerie schwaz

    Die Fotografin Brigitte Niedermair

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