Frankreichs neue Avant-Garde: Computerspiele

31. Juli 2007, 14:46
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Literatur und Kino erhalten Verstärkung - Gameplay der französischen Entwickler sozialer und psychologischer als im Rest der Welt

Während in Großbritannien der größte europäische SpielerInnen-Markt zu finden ist, sitzen in Frankreich die kreativsten und experimentierfreudigsten EntwicklerInnenstudios. Das US-Magazin Wired widmete der französischen Spiele-Szene einen ausführlichen Artikel.

Impressionismus, Nouvelle Vage und Spiele

Waren es im 19. Jahrhundert die Impressionisten, später dann die Existenzialisten und dann die Filmemacher der Nouvelle Vague, so repräsentieren nun die Spiele-EntwicklerInnen das neueste künstlerische Genre, meint man zumindest bei Wired. Und diese Kunstform soll nun auch gefördert und unterstützt durch die französische Regierung werden.

Ordensträger

Anfang des Monats hat der französische Kulturminister Renaud Donnedieu de Vabres die prestigeträchtigen "Ordre des Arts et des Lettres" verliehen. Zu den nun zu Rittern gekrönten Häuptern gehören auch drei Spiele-Entwickler: Peter Molyneux (Populous and Black & White), Eric Viennot (Missing) und Antoine Villette (Alone in the Dark: The New Nightmare). Wenig später hat die französische Regierung weit reichende Steuervorteile für Spiele, die auf französischem Boden entwickelt werden, gesetzlich verankern lassen.

Kreative Energien

Aus Sicht der französischen Regierung stellen die heimischen Spiele-Entwickler die neue Generation der kreativen Energien im Lande dar, die es zu unterstützen gibt. "Die Erschaffung von Videospielen ist ein exzellenter und intelligenter Weg um das Potenzial der Technologien mit dem Reichtum der französischen Kultur zu vereinen", meinte Patrick Ollier, Präsident des Wirtschaftskomittees in der Assemblée Nationale.

Kultur sichert Überleben

Die französische Filmindustrie kann auf eine großzügige staatliche Unterstützung setzen, die das Lang nach Indien und den USA zum weltweit drittgrößten Filmproduzenten macht. Auch französische Radiosender haben Auflagen und bekommen Förderungen wenn sie möglichst viele heimische Produktion spielen. Der Spielebranche soll nun der Status als "Kulturgut" helfen ihre finanziellen Engpässe bewältigen zu helfen.

Spiele-Hits

Viele weltbekannte Titel wurden in Frankreich oder zumindest mit großer französischer Beteiligung geschaffen: so etwa Test Drive Unlimited (Eden), King Kong (Ubisoft), Fahrenheit (Quantic Dream), Alone in the Dark -- The New Nightmare (Darkworks), Trackmania (Nadéo), Top Spin (Pam), Paradise (White Birds) und Dofus (Ankama). In Paris findet zudem auch jedes Jahr mit dem Electronic Sports World Cup, eines der weltgrößten Videospiele-Turniere statt.

Unzufrieden

Aus Sicht der Industrie können die nun angekündigten Steuervorteile nur ein erster Schritt sein. So meint etwa Yves Guillemot, CEO von Ubisoft, dass die Entwicklungen in Staaten wie etwa Kanada wesentlich besser umzusetzen sein, da es dort geringere Personalkosten und Besteuerungen gibt. "Die Unterstützung durch die französische Regierung ist ein bedeutender Schritt und wir sind sehr glücklich darüber, aber in anderen Ländern gibt es vergleichbare Ansätze, allerdings mit weitreichenderen Verbesserungen", so Guillemot.

Eine Frage der Kultur

So sollen etwa nicht alle Spielehersteller von den Steuererleichterungen profitieren, sondern nur jene die Spiele mit "kulturellem Inhalt" produzieren. "Die Spiele müssen eine gewissen Erzählstruktur aufweisen, zudem ein Szenario, das in Französisch geschrieben ist und Elemente aus dem Adventure- oder Simulations-Genre aufweisen muss", so Marc Herubel, Berater des französischen Kulturministeriums. Als Beispiele für Spiele, die eine Förderung erhalten hätten, nannte er "Fahrenheit" und "Missing".

Intellektuelle

Unter den französischen Intellektuellen wird wiederum eifrig diskutiert, was es nun mit dem "Kulturgut Videospiel" auf sich habe. Der Weg bis diese "Kunstform" ernst genommen werden wird, sei noch ein langer, meint man hier. "Die französischen Intellektuellen, die die traditionellen Kulturgüter wie Kino, Musik und Literatur verteidigen, haben sich bislang wenig für die Spiele interessiert und sehen darin auch kein Stück Kultur", so Frank Beau, ein französischer Spiele-Experte gegenüber Wired. "Auf der anderen Seite, verteidigen vor allem jene Intellektuellen, die mit Psychologie oder Sozialwissenschaften zu tun haben, die Videospiele. Diese tendieren dann in Richtung Rollenspiele."(red)

  • Artikelbild
    screenshot: ubisoft
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