Volkskrankheit Parodontitis

23. Oktober 2007, 13:14
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Mehr als die Hälfte aller Erwachsenen leiden an Zahn­fleisch­entzündungen - unbehandelt kommt es später zum Zahnverlust

Rund 60 Prozent aller Erwachsenen leiden laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter behandlungsbedürftigen Zahnfleischentzündungen. Experten schätzen die Dunkelziffer dieser parodontalen Erkrankungen sogar noch um etwa ein Drittel höher ein. Nicht von ungefähr kommt es daher, dass auch etwa 70 Prozent der Zahnverluste bei Erwachsenen auf Parodontitis zurückzuführen sind.

Erste Warnsignale ernst nehmen

Drei von vier Menschen leiden zumindest einmal in ihrem Leben an Parodontitis. Oft wird die Erkrankung im Frühstadium noch auf die leichte Schulter genommen, da Beschwerden und Schäden am Zahnapparat erst nach geraumer Zeit entstehen. Der fortschreitende Knochenabbau geht meist langsam und schmerzlos unterhalb des Zahnfleisches vor sich, sodass es für den Patienten meist nicht möglich ist, die Erkrankung rechtzeitig selbst zu erkennen.

Foge von Zahnbelag

Im Unterschied zur Gingivitis (Zahnfleischentzündung) ist Parodontitis eine Entzündung, die zur irreversiblen Zerstörung von Teilen des Zahnhalteapparats und damit zu Zahnverlust führt, wenn sie nicht behandelt wird. Beide Erkrankungen sind die Folge von nicht entferntem Zahnbelag (Plaque), der Zahnstein bilden kann. Erste Warnsignale sind unter anderem Mundgeruch, Zahnfleischbluten, Verfärbungen des Zahnfleisches, Zahnfleischrückgang, geänderte Zahnstellung, lockere Zähne und Zahnausfall.

Exakte Diagnose beim Zahnarzt

Für die exakte Diagnose und die entsprechende Therapie ist in jedem Fall ein Zahnarztbesuch angesagt. Damit es aber erst gar nicht so weit kommt, ist eine konsequente und richtig durchgeführte Zahnpflege sowie die regelmäßige professionelle Mundhygiene beim Zahnarzt die wirkungsvollste Vorsorge gegen das Auftreten von Parodontitis. Daher sind eine intensive Aufklärung und Information ein zentraler Aspekt einer vorsorgenden Mundgesundheit.

Ursachen und Folgeerkrankungen

Die Ursache für die Entstehung von parodontalen Erkrankungen ist meist ein Wechselspiel aus mehreren Faktoren. Im Hinblick auf den persönlichen Lebensstil gehören dazu mangelnde oder falsch durchgeführte Mundhygiene, Rauchen, Stress, ein Mangel an Vitamin C sowie unausgewogene Ernährung.

"Stressschübe" nehmen zu

"Durchbeißen lautet die Devise in unserer Leistungsgesellschaft. Die Ergebnisse können Zahnärzte deutlich an ihren Patienten sehen, denn Stress ist ein Faktor, der Zahnfleischerkrankungen noch deutlich verschlimmern kann. In vielen Fällen treten Schübe parallel mit Zeiten hoher Arbeitsbelastung oder privaten Stresssituationen auf", erklärt Gernot Wimmer, von der Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in Graz.

Mögliche Ursachen

Aber auch genetische Veranlagung, die Einnahme von Medikamenten, hormonelle Veränderungen in der Schwangerschaft oder in den Wechseljahren sowie Krankheiten wie Diabetes oder Aids können Parodontitis verursachen. Da Parodontitis eine bakterielle Entzündung ist, besteht auch Ansteckungsgefahr über erkrankte Partner oder von Müttern zu Kindern.

Ganzheitliche Betrachtung

Der Darm gilt in der Medizin als "Sitz der Gesundheit". Wenig Beachtung fand bisher noch die Tatsache, dass die Verdauung bereits in der Mundhöhle beginnt und dort ein zentraler Ausgangspunkt für andere körperliche Beschwerden – und damit der eigentliche Sitz der Gesundheit – ist. Eine Reihe aktueller Untersuchungen weist deutlich darauf hin, dass entzündliche Erkrankungen des Zahnfleisches beispielsweise mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus, Lungenerkrankungen oder Komplikationen in der Schwangerschaft in Wechselwirkung stehen.

Integrative Behandlung

"Aus tiefen geschwürigen parodontalen Zahntaschen können Bakterien oder ihre Produkte direkt in die Blutbahn ausgeschwemmt werden. Bei unbehandelten schweren Erkrankungen kann die innere Taschenoberfläche bis zur Größe einer Handfläche betragen.

Andererseits stellen diese entzündlich veränderten parodontalen Gewebe eine nicht unbeträchtliche Wundfläche dar. Die dabei produzierten Entzündungsstoffe können vor allem bei entzündlichen Schüben so ansteigen, dass diese über den ganzen Körper verteilt werden. Die Behandlung von Parodontitis muss daher ein integrativer Bestandteil bei der Vorsorge und Behandlung von Herz-Kreislauf-, aber auch anderen chronischen Erkrankungen wie Diabetes sein", betont Rutger Persson von der Klinik für Parodontologie und Brückenprothetik in Bern.

Erhöhtes Frühgeburten Risiko

Parodontitis gilt unter anderem auch als bedeutender Risikofaktor für Frühgeburten mit vermindertem Geburtsgewicht. Eine Reihe von Studien untermauert die Verbindung, dass Mütter, die während der Schwangerschaft Parodontitis haben, einem 8,6-fach höheren Risiko unterliegen, eine untergewichtige Frühgeburt zu erleiden. Experten vermuten, dass parodontale Infekte für etwa 18,2 Prozent aller Frühgeburten verantwortlich sind.

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    foto: colgate
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