Büro für hoffnungslose Fälle

28. Juni 2007, 14:35
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Der Wiener Flughafen-Sozialdienst kennt die tägliche Verwirrung auf der Suche nach Asyl

Dharma Ras ist Wirtschaftsstudent in Wien. Und nur wenige seiner Uni-KollegInnen dürften seine Vorgeschichte kennen: Noch vor eineinhalb Jahren war der sympathische Nepali Anführer einer maoistischen Rebellentruppe. Fünf Jahre kämpfte er gegen die Herrschaft von König Gyanendra - bis er sich entschloss, zu fliehen. Über Neu Delhi und Bangkok kam er nach Wien. Er wollte weiter, konnte aber nicht: Der Schlepper hatte neben einer gediegenen Stange Geld auch seinen Reisepass kassiert.

 

Behörden-Wirrwarr

Bald nach seiner Ankunft bekam Dharma Ras Asyl, seine Bedrohung im Heimatland war fein säuberlich per Video dokumentiert. Sein Freund Niranjan hatte weniger Glück: Auch er ist aus Nepal geflüchtet und erst seit kurzem in Wien, doch sein Asylantrag wurde abgelehnt. Niranjan sagt, er sei hier, weil ihn die Truppen Dharma Ras' in Nepal verfolgten. In Wien wurden die beiden Freunde.

Heute stehen sie im Büro des Flughafen-Sozialdienstes (FSD) im sechsten Wiener Bezirk, mit zwei Zetteln in der Hand und Sorge im Blick: Zwar hat die zweite Instanz den Negativbescheid wieder aufgehoben. Gleichzeitig fand Niranjan jedoch einen weiteren negativen Asylbescheid im Briefkasten – mit exakt demselben Wortlaut, aber einer anderen Unterschrift. Was tun?

Für die FSD-BeraterInnen sind Fälle wie diese Routine. Ein Anruf hier, eine Beschwerde dort und vor allem: warten. "Die Caritas kümmert sich um die weniger hoffnungslosen Fälle", sagt FSD-Berater David – "die anderen schickt sie zu uns." Zum Beispiel jenen Inder, der fünf Minuten später zur Tür hereinkommt und seinen negativen Asylbescheid herzeigt: Der Beamte habe ihm die Geschichte seiner Flucht nicht geglaubt, klagt er. "Wir schicken der Behörde den Amnesty-International-Bericht über Indien", beschließt David. Akt ersterledigt, der Nächste bitte.

Kein Asyl mit Schmuckstück

Dass Fluchtgründe als "nicht glaubwürdig" eingestuft werden, sei eher die Regel als die Ausnahme, sagt Flughafen-Sozialdienst-Mitarbeiter Andi. Und selbst langjährige FlüchtlingsberaterInnen könnten oft nicht nachvollziehen, warum manchen AntragstellerInnen geglaubt wird, anderen aber nicht. Andi spricht von "fadenscheinigen Begründungen" - wie etwa im Fall jener Nigerianerin, deren angeblich teure Uhr am Handgelenk der Behörde Beweis genug war, dass es sich um keine Notsituation handeln könne (siehe Hintergrund-Artikel).

Viele wenden sich an den FSD, weil Angehörige plötzlich in Schubhaft gesteckt wurden. Die BeraterInnen statten den Inhaftierten dann Besuche ab - etwa, um ihnen wichtige Dokumente zu übersetzen, die oft nur in Deutsch ausgestellt seien, sagt Andi. Andere kommen, weil sie krank, aber nicht krankenversichert sind, und gehört haben, dass befreundete ÄrztInnen des FSD AsylwerberInnen gratis behandeln.

 


Lebensabschnitte in Klarsichtfolien: Im Lager des Flughafen-Sozialdienstes werden dokumentierte Asylverfahren archiviert

 

Seit 15 Jahren arbeitet der Flughafen-Sozialdienst ohne staatliche oder kirchliche Unterstützung. Ein Teil des Budgets kommt von den Wiener Grünen, der Rest aus privaten Spenden. Seit ein wichtiger Förderer weggefallen ist, sei der Verein, der sechs Teilzeit-MitarbeiterInnen beschäftigt, jedoch "finanziell ständig knapp am Krachen", sagt David.

Als hehren Kämpfer für die Entrechteten sieht sich der Berater nicht: "Ich frage mich oft, was ich hier eigentlich bewirken kann. Wir sind nicht mehr als ein Sandkörnchen im Getriebe des Systems." Mit "System" meint er die Aufteilung des Wohlstands. "Allen ist klar, dass die, die am Land keinen Job finden, in die Stadt pendeln." Weltweit gesehen sei Migration aber nichts anderes als Pendeln im großen Stil. Immer wieder höre er, dass den ZuwanderInnen ihre Emigration vorgeworfen wird: "Da heißt es dann: 'Die sollen ihr Land aufbauen, so wie wir es nach dem Krieg auch gemacht haben'. Und niemand denkt daran, dass Österreich mit dem Marshallplan ziemlich massiv unterstützt worden ist." (Maria Sterkl)

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"Sie haben eine schöne Uhr" - Einvernahmen im Asylverfahren

Info
Flughafen Sozialdienst
1060, Magdalenenstraße 24, Ecke Corneliusgasse.
Beratungszeiten:
Montag, Dienstag, Donnerstag (werktags) von 17:00 bis 19:00 Uhr
Mittwoch (werktags) 11:00 bis 14:00

  • Seinen Namen hat der Flughafen-Sozialdienst von seiner früheren Arbeitsstätte. Nach mehreren Protestaktionen gegen Abschiebungen am Flughafen Wien-Schwechat mussten sie jedoch umziehen. Das Büro in der Magdalenenstraße ist vier Mal pro Woche geöffnet
    foto: derstandard.at

    Seinen Namen hat der Flughafen-Sozialdienst von seiner früheren Arbeitsstätte. Nach mehreren Protestaktionen gegen Abschiebungen am Flughafen Wien-Schwechat mussten sie jedoch umziehen. Das Büro in der Magdalenenstraße ist vier Mal pro Woche geöffnet

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