Merkel im Aufwind

21. März 2007, 19:29
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Anerkennung für die christdemokratische EU-Vorsitzende

Als kürzlich Kanzler Gusenbauer in einem Spiegel-Interview ein Loblied auf die Führungsqualität von Kanzlerin Merkel sang, ließ die ungewöhnliche Anerkennung des österreichischen Sozialdemokraten für die christdemokratische EU-Vorsitzende hier und dort aufhorchen. Er sprach mit bemerkenswerter Offenheit über das Defizit an Leadership bei den "Großen" in der EU, zollte Angela Merkel für ihre "ausgezeichnete Leistung" beim Management des Klima-Gipfels überzeugten Tribut und bezeichnete den deutschen Vorsitz sogar als echten Glücksfall und als Stabilitätsanker für die EU.

Es war fast symbolträchtig, dass am Erscheinungstag des Magazins nicht nur die deutschen, sondern auch französische, britische und amerikanische Qualitätsblätter Merkels politischen Erfolg bei ihrem Polen-Besuch während des Wochenendes ausführlich würdigten. Selbst "die mächtigste Frau der Welt"- so ihre Beschreibung in Warschauer Blättern - konnte freilich in zwei Tagen bei so komplexen strittigen Fragen wie der EU-Verfassung, Raketenschild, Energieversorgung und der mit tiefem Misstrauen beobachteten Aktivität von Vertriebenenfunktionären einen Durchbruch erzielen. Kein ernst zu nehmender Beobachter hatte das übrigens erwartet.

Mischung aus Charme und Geschick

Angela Merkel, die Pfarrerstochter aus der DDR, hat aber mit ihrer Mischung aus Charme und Geschick vor dem Hintergrund ihres ganz persönlichen Verhältnisses zum Nachbarland dennoch etwas sehr Seltenes erreicht: Es ist ihr allem Anschein nach gelungen, bei den gegenüber Deutschland zutiefst misstrauischen Kaczynski-Brüdern Vertrauen zu gewinnen und die in der letzten Zeit besonders gespannten Beziehungen sichtlich zu entschärfen. Nicht durch protokollarische Klischees, sondern mit aufrichtigen Gesten der Menschlichkeit und Versöhnung konnte sie bei den Zuhörern ihrer Grundsatzrede in der Aula der Warschauer Universität und bei den Medien eindrucksvoll und überzeugend wirken. Nicht nur ihre offiziellen Gastgeber und die Studenten, sondern auch der erste nicht kommunistische Regierungschef des freien Polen, Tadeusz Mazowiecki, und der sozialdemokratische Ex-Staatspräsident Alexander Kwasniewski hörten in der ersten Reihe der Aula mit Sympathie ihre persönlichen Worte des Dankes: "Ohne die polnische Freiheitsbewegung, ohne die Solidarnosc, könnte ich heute nicht als Bundeskanzlerin vor Ihnen stehen."

Merkels Bemühungen um Entspannung haben bereits zwei positive Ergebnisse gebracht. Präsident Lech Kaczynski erklärte, dass Polen den Abschluss eines europäischen Verfassungsvertrags nicht blockieren und dass die polnische Regierung auch die "Berliner Erklärung" unterzeichnen werde, die auf dem Gipfel zum Ende der deutschen Präsidentschaft im Juni den Rahmen für die künftige Entwicklung Europas festlegen soll.

Dass die Bundeskanzlerin sowohl als junge Chemikerin im Wendejahr 1989 als auch später als Frauen- und Jugendministerin Anfang der Neunzigerjahre Polen öfter besucht und viele Kontakte mit (heute oppositionellen) Politikern angeknüpft hatte, wurde ebenso aufmerksam registriert wie ihr öffentliches Bekenntnis zu der deutschen Schuld am Tod von sechs Millionen polnischen Bürgern (einschließlich drei Millionen Juden) und ihre kategorische Ablehnung einer Umdeutung der Geschichte durch Deutschland. Auf dem schwierigen historischen Terrain der deutsch-polnischen Beziehungen hat Angela Merkel jedenfalls überzeugend bewiesen, dass das Lob aus Wien nicht voreilig gewesen war. (Von Paul Lendvay, DER STANDARD, Printausgabe 22.3.2007)

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