"Da kriegen die Opfer noch mal eins auf die Mütze"

26. April 2007, 12:38
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Die deutsche Journalistin Bettina Röhl sprach am Dienstag in Wien über Geschichten: ihre eigene, die ihrer Eltern Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl und die der politischen Linken

Die deutsche Journalistin Bettina Röhl hat am Dienstag in der Kunsthalle Wien über viele Geschichten gesprochen: ihre eigene, die ihrer Eltern Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl und die der politischen Linken in der Bundesrepublik der 50er- und 60er-Jahre.

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Wien - Bis zum 29. April wird er noch in der Kunsthalle Wien zu sehen sein: der Fotozyklus "Die Toten" des Düsseldorfer Künstlers Hans-Peter Feldmann. Auf 90 kommentarlos nebeneinander gestellten Bildern sieht der Besucher die Toten verschiedener politischer Bewegungen zwischen den Jahren 1967 und 1993: APO, Baader-Meinhof, RAF ... Opfer und Täter schweigend vereint.

Feldmanns Werk hat schon bei früheren Ausstellungen heftige Kontroversen ausgelöst, und auch Bettina Röhl hat massive Einwände dagegen. "Ich weiß, das ist polemisch", meint sie zum Standard, "aber ich kann doch auch nicht ein Bild von Anne Frank neben das Bild eines SS-Mannes stellen. Da kriegen die Opfer noch mal eins auf die Mütze."

Auch das Bild von Röhls Mutter ist unter den Toten: Ulrike Meinhof, geboren 1934 in Oldenburg, gestorben 1976 im Gefängnis Stammheim in Stuttgart. Noch immer gibt es zwei konkurierende, unversöhnliche Versionen über den Hergang dieses Todes: Ulrike Meinhof habe sich umgebracht, sagt die eine; sie sei vom deutschen Staat, den sie so inbrünstig bekämpfte, kaltblütig ermordet worden, die andere. Röhl meint, dass sie "hundertprozentig" von der ersten, der Selbstmordversion, überzeugt ist.

Auf Anregung von Feldmann

Nach Wien ist Röhl auf Anregung des - von ihr so heftig kritisierten - Künstlers Feldmann gekommen. Am Dienstagabend hat die 1962 geborene Journalistin in einem Gespräch mit Peter Huemer vor mehreren hundert Zuhörern die Geschichte ihrer Familie, der Zeitschrift Konkret, des Hamburger Medien-Establishments und der BRD-Linken überhaupt geschildert. Zu diesen Themen hat Röhl 2006 einen fast 700 Seiten starken Schmöker, "So macht Kommunismus Spaß", publiziert, der von der Kritik als ein imposantes Gesellschaftsporträt der frühen BRD gelobt wurde. An einem zweiten Band, der die Jahre 1968 bis 1977 umfassen soll, schreibt Röhl gerade.

Meinhof und Klaus Rainer Röhl, der Vater von Bettina Röhl, hatten bei der Studentenzeitschrift Konkret miteinander gearbeitet. Es gibt viele beeindruckende Passagen in Röhls Buch, etwa wenn sie sich kritisch mit einer berühmten Kolumne ihrer Mutter über den Serienmörder Jürgen Bartsch befasst: Bartsch hatte vier Buben barbarisch umgebracht, ein fünfter entkam ihm um Haaresbreite.

Klage gegen die Gesellschaft

In ihrer Kolumne spricht Meinhof - ganz dem Geiste der Zeit entsprechend - Bartsch von jeder Verantwortung frei und erhebt dafür wortgewaltig Klage gegen die "Gesellschaft", welche Bartsch zu dem gemacht habe, was er war. Die fünf Buben, die wahren Opfer, erwähnt sie mit keinem Wort. "Es ist ein unglaublich zwingender Text", meint Röhl, "pressend bis erpressend" sei er. Aber: "Diese Art zu denken, dieses Schwarz-Weiß, hat der journalistischen Arbeit von Ulrike Meinhof auch so eine Kraft gegeben."

Dass nun mit einem Mal auch Opfer wie etwa die Familien von Jürgen Ponto und Hanns Martin Schleyer eine größere Rolle spielen, wenn von der RAF die Rede ist, sieht Röhl als einen der Fortschritte in der endlosen Debatte über die Ursachen des deutschen Terrorismus an. "Bisher hatte es die RAF geschafft, den Opferstatus völlig für sich zu reservieren und die anderen aus dem Bild zu verdrängen." Und dass die Opfer der RAF überhaupt zu sehen sind, das ist ein Aspekt, den sie auch an Feldmanns "Toten" durchaus würdigen kann. (Christoph Winder, DER STANDARD, Printausgabe 22.3.2007)

  • "Konkret", 1955 gegründet, in den 60ern Pflichtlektüre der bundesdeutschen Linken und der Studentenbewegung.

    "Konkret", 1955 gegründet, in den 60ern Pflichtlektüre der bundesdeutschen Linken und der Studentenbewegung.

  • Bettina Röhl, Porträtistin der frühen BRD.
    foto: eva

    Bettina Röhl, Porträtistin der frühen BRD.

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