Lizenz zur Balance

21. März 2007, 23:04
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Konzerte mit Leif Ove Andsnes und dem São-Paulo-Orchester: Es drängt sich im Falle von Leif Ove Andsnes, dieses Klavierphänomens, auf, wieder einmal die musikalische Dichotomie Verstand/Gefühl zu bemühen

Wien – Andsnes ist ein Inbegriff des unprätentiösen, ernsten und souverän das ihm technisch Selbstverständliche in den Dienst des tiefen Ausdrucks stellenden Intellektuellen, der trotz seines Star daseins ein stilles Auftreten bewahrt hat, das ihm indes nicht als (gar falsche) Bescheidenheit auszulegen ist.

Vielmehr gehört sein Understatement zu jedem seiner künstlerischen Statements, wenn der Pianist eine vom Effekt freie, doch nicht minder persönlich gefärbte Natürlichkeit hervorbringt, bei der offenbar jede Gefühlsäußerung den Weg über die Reflexion nehmen muss, um geistig durchdrungen und fern jeder nur der Lust am Motorischen geschuldeten Kraftausübung Gestalt anzunehmen.

Diese besonders im romantischen Repertoire oder auch bei Schubert (als Winterreise- "Begleiter" von Ian Bostridge) hervortretenden Tugenden zeichnen auch seinen Mozart aus. Doch sein extrem sachlicher Zugriff ging diesmal am Schlichten, Musikantischen in dem Maß vorbei, wie er emotionale Valeurs zu analysieren und klanglich auszudeuten vermochte. Und in jenem Ausmaß, wie er das Spielerisch-Virtuose unterbelichtete, durchdrang Andsnes die "romantischen", vom schnellen Dur-Moll-Wechsel bestimmten Passagen des G-Dur-Konzerts KV 453, versah er jenes in d-Moll KV 466 mit bedrohlicher Tristheit.

Das vom Pianisten geleitete Norwegische Kammerorchester sekundierte dabei farbenfroh und animiert, auch wenn dabei das aufführungspraktisch Geschulte etwas buchstabiert wirkte. Letzteres galt auch für Griegs mit Pathos vorgetragene historisierende Suite Aus Holbergs Zeit, die das Orchester unter der Leitung des Konzertmeisters Terje Tonnesen ebenso mit Lust am Effekt inszenierte wie Prokofjews Symphonie classique.

Das Symphonieorchester São Paulo, auf seiner Europatournee im Musikverein zu Gast, darf man auch mit dem Begriff des Buchstabierens in Zusammenhang bringen. Zumindest bei Debussys La Mer vermisste man etwa elastische, gefühlsintensive Phrasierung, eine Großzügigkeit des Ausdrucks, der Farb lichkeit hervorbringt. Zusammen mit Chefdirigent John Neschling allerdings zeigte man bei Guarnieris Ouverture concertante und Ginasteras Estancia-Ballettsuite, dass der Bereich des rhythmisch Prägnanten aus den Musikern wiederum Vorzüglichstes herausholt und Neschling es versteht, Intensität mit der delikaten Klangbalance zwischen den gut besetzten Abteilungen zu fusionieren.

Der dunkle Streicherklang übrigens wies kultivierte Qualitäten im analytisch angehauchten Interpretationsrahmen auf, was im Verbund mit dem leichtfüßig-trocken agierenden Pianisten Nelson Freire bei Rachmaninows 4. Klavierkonzert zu Ergebnissen von passabler, zurückhaltender Emphase führte. (daen, toš DER STANDARD, Printausgabe, 22.03.2007)

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