"Mittlere Reife" für Lehre oder Matura

30. Juli 2007, 13:30
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Die Ratlosigkeit bei der Jobwahl wird ab der achten Schulstufe problematisch. Wer in die Lehre will, sei in der Polytechnischen Schule noch bestens aufgehoben, sagen Experten

Cowboy, Prinzessin, Lokführer, Kanzler – im Sandkasten hegt man viele Berufswünsche. Spätestens in der achten Schulstufe heißt es aber, sich "ernsthaft" um die Jobwahl zu kümmern, wie es Eltern gerne formulieren.

Dass das nicht einfach ist, weiß Claudia Hammerer vom Berufs- und Bildungsinformationszentrum in Dornbirn. Potenzialanalyse, Intelligenztest, persönliches Gespräch sind ihre Hilfswerkzeuge, um Neigungen und Fähigkeiten zu eruieren. Erst in zweiter Linie kommt die Entscheidung zwischen Lehre oder Schule. "Wenn jemand ein technisches Talent hat, stellt sich die Frage, ob er eher handwerklich veranlagt ist oder in die HTL möchte." Renate Köllner, Leiterin des Wiener Schulzentrums Friesgasse, beugt der Qual der Wahl ab der siebten Schulstufe vor. "Ich habe selbst eine Ausbildung für die Berufsorientierung gemacht." Die dritten und vierten Klassen ihrer AHS und der als "Kooperative Mittelschule" laufenden Hauptschule führen einen entsprechenden Pflichtgegenstand.

Wobei der berufliche Lebensweg oft durch die Entscheidung für Gymnasium oder Hauptschule vorgezeichnet sei. Das differenzierte Schulsystem würde Köllner aber nicht auflösen: "Mit 22 Jahren Erfahrung plädiere ich für eine längere Schulpflicht und die mittlere Reife mit 16." So sei etwa der Wechsel in eine neue Schulform wie das Polytechnikum für nur ein Jahr wenig zielführend.

Eine Ausweitung auf zwei Jahre gefiele auch Direktor Lothar Grubich von der Polytechnischen Schule (PTS) Perg: "Das zweite Jahr dieser mittleren Reife sollte aber als erstes Lehrjahr anrechenbar sein." Ähnliche Regelungen gibt es in verschiedenen Lehren auch für Maturanten. Die so steigende Attraktivität des Polytechnikums würde die Problematik der "Rückfluter" – Schüler, die an AHS und BHS scheitern und die Kapazitäten der "Polys" sprengen, weil diese sie bis 31. Dezember eines Schuljahrs aufnehmen müssen – entschärfen.

Wer in eine Lehre will, sei an einer Polytechnischen Schule immer noch am besten aufgehoben, sagt PTS-Lehrer Wolfgang Domenig aus Klagenfurt: "Nach einer kurzen Orientierungsphase ohne Stundenplan gibt es eine Einteilung der Schüler nach Fachbereichen wie Metall oder Holz." Unter Berücksichtigung von Zweit- und Drittpräferenzen habe Domenig noch für jeden Schüler eine allen Beteiligten passende Lehrstelle gefunden. (Bernhard Madlener, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.03.2007)

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