Ein Aufruf zum Einfachen

Redaktion, 14. Mai 2007 09:04
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    Christine Diethör, Innenraumexpertin.

Weniger ist mehr, heißt es. Doch wie wenig darf das Wenige denn überhaupt sein? - Von Christine Diethör

Der von Architekturmeister Ludwig Mies van der Rohe geprägte Satz "Less is more" ist allgemein bekannt und wird gerne und oft gebraucht. Eine - im Übrigen unzufriedene - Klientin von Mies van der Rohe hielt dem entgegen: "Less is less, not more." Was ist nun richtig?

Wenn es darum geht, eine schlichte und im besten Sinne einfache Raumgestaltung zu charakterisieren, ist weniger tatsächlich mehr. Je weniger Ausstattung und Verkleidung ein Raum benötigt, desto besser und aufwändiger muss die Gestaltung in puncto Raumkomposition und Detailverarbeitung ausfallen. Oder anders gesagt: Mit einer guten Innenarchitektur werden nachträgliche und zum "Aufpeppen" eingebrachte Dekorationselemente unnötig.

Zum Leidwesen aller ist Einfachheit nicht unbedingt einfach! Im Gegenteil, die Ausarbeitung und Herstellung minimalistischer Details in Architektur und Innenraumgestaltung sind äußerst anspruchsvoll und teuer in der Verarbeitung. Sowohl Planerinnen als auch Professionisten sind gefordert, ihr Bestes zu geben. Bereits im Vorfeld ist großes Wissen um technische Möglichkeiten, viel Gefühl für Proportionen und der Wille zur plangenauen Umsetzung vom Architekten gefordert. Minimalistische und puristische Raumschöpfungen verzeihen auf diesen Gebieten keine Fehler - denn hier kann nichts nachträglich kaschiert werden. Schlampereien führen zu einem regelrechten "Less is less, not more" - das wusste schon Lady Farnsworth, die in den Genuss der Mies'schen Architektur gekommen war.

Denselben Anspruch kann man an Konstruktion, Bauphysik und technische Ausstattung von Räumen stellen. Je penibler geplant und gebaut wird, desto einfacher und nachhaltiger ist das Ergebnis. Wir können dies beispielsweise an Wohngebäuden in den heißen Gegenden Nordafrikas und der arabischen Welt sehen. Diese Häuser haben keine technisch hochentwickelte Klimaanlage, ihre Kühlung funktioniert durch Beschattung und Luftbewegung der natürlichen Thermik. Außerdem bedarf diese Art der Klimaanlage keiner Wartung. Solche Beispiele gibt es sonder Zahl. Auch in der europäischen Bautradition kann viel an funktionellen, einfachen und effizienten Lösungen entdeckt werden.

Kurz gesagt: Man möge bei der Einfachheit bleiben und sich im Schlichten üben. Andernfalls droht die Gefahr: "More is less." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.3.2007)

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