Poesie statt Pose

21. März 2007, 11:42
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Frauen schreiben tatsächlich Gedichte, ob sie nun 24 oder 82 sind: Lyrik-Lesung von Mayröcker und Harter in Wien

Wien - Der Internationale Tag der Poesie wird am Mittwoch begangen. 1999 war er von der UNESCO eingeführt worden, um dieser angeblich Not leidenden Literaturgattung ein wenig Aufmerksamkeit zu verschaffen. In Wien scheint keine Extra-Hilfe notwendig zu sein. Davon konnte man sich am Vorabend des Lyrik-Tages überzeugen: Der Große Sendesaal des ORF war gut gefüllt, als mit Friederike Mayröcker und Sonja Harter zwei Lyrikerinnen aus ihren Werken lasen.

Und die schreiben doch

"Bei Frauen weiß ich es nicht so genau, aber bei männlichen Wesen weiß ich es ziemlich sicher, dass sie in ihrer Pubertät Gedichte schreiben", hatte Martin Walser jüngst wissen lassen, "anders ist diese Zeit nicht zu überleben." Dass er dabei gleich zwei Mal geirrt hat, hätte der deutsche Großschriftsteller, der in Kürze seinen 80. Geburtstag feiert, im Radiokulturhaus feststellen müssen: Poesie ist kein Pubertätsproblem, und Frauen schreiben tatsächlich Gedichte, ob sie nun 24 oder 82 sind. So groß ist nämlich der Altersunterschied zwischen Harter und Mayröcker.

Bezüge zueinander

Sie habe immer schon großen Anteil genommen an der Arbeit junger Kolleginnen und Kollegen, sagte die Grande Dame der heimischen Literatur zur Eröffnung, "Sonja Harter ist eine hoch begabte Lyrikerin, deren Gedichte mein Interesse erweckt haben. Es macht mich glücklich, Sonja Harter vorzustellen." Die 1983 geborene Grazerin, 2006 mit dem "frauen.kunst.preis" ausgezeichnet, las zunächst aus ihrem 2005 bei Leykam erschienenen Gedichtband "barfuß richtung festland", danach aus im vergangenen Halbjahr entstandenen Zyklen wie "Geh' zu Fuß nach Istanbul. Fünf Gedichte über das Reisen" oder "Sonntags an der Tankstelle. Sechs Gedichte über das Zeit Anhalten."

Scheinbar wie von selbst ergaben sich Bezüge zwischen den beiden Autorinnen: "Zähle nur die Nebenschauplätze / oder Mayröckers Wortwiederholungen" las einmal Sonja Harter und widmete ein anderes Mal ein Gedicht ihrer großen Kollegin. Diese las danach aus ihren im Suhrkamp Verlag erschienenen Gesammelten Gedichten, und auch hier wurde mühelos über die Bande gespielt, etwa wenn Mayröcker davon las, sie habe mit ihrem Lebensgefährten Ernst Jandl einmal darüber nachgedacht, "wie es gewesen wäre, hätten wir einen Sohn gehabt, oder eine Tochter".

Keine Pointe oder Pose

Der Witz, die zornige Lebendigkeit, die Suche nach Effekt, die das Schaffen Jandls ausgezeichnet hat - all das findet sich weder bei Mayröcker noch bei ihrer jungen Kollegin, die eher Enkelin als Tochter sein könnte. Bei ihnen hat Poesie nichts mit Pointe oder Pose zu tun, es ist tägliches Überlebenstraining, Abwehr- und Bewältigungsstrategie in einem. Todernst, das alles, und das Publikum wagte stellenweise kaum zu atmen.

Düstere Kamerafahrten und trockene Momentaufnahmen

Während Harter eher filmisch arbeitet, gleichsam Kamerafahrten durch ihre Umgebung unternimmt, die an die düsteren Geheimnisse eines David Lynch oder die verstörenden Montagen eines Luis Bunuel erinnern, bei denen man nie weiß, was hinter der nächsten Ecke lauert, oder als was sich der nächste Gegenstand entpuppen kann, gibt Mayröcker in trockenen Momentaufnahmen wieder, was ihr gerade widerfährt oder durch den Kopf geht. Schreiben oder schweigen, leben oder lesen - wer weiß schon, wo das eine aufhört oder das andere beginnt. In diesem Sinn setzte nach einer Stunde Friederike Mayröcker Jandl zitierend den Schlusspunkt: "Wir setzen uns mit Tränen nieder / denn unser Leben war zu kurz!" (APA)

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    Friederike Mayröcker und Sonja Harter am Dienstagabend vor Beginn der Lesung "Das gläsene Archiv" in Wien.
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