Hightech-Verkehrssysteme auf Schiene

27. März 2007, 20:05
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In Sachen Verkehrstelematik kommen mittlerweile viele brauchbare Technologieanwendungen aus Österreich

In Sachen Verkehrstelematik kommen mittlerweile viele brauchbare Technologieanwendungen aus Österreich. Das war nicht immer so. Seit etwa fünf Jahren gibt es erst diesen Aufschwung. Eine Tagung blickt zurück.

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In Österreich führte die Verkehrstelematik bis vor einigen Jahren eher ein Schattendasein. "Es gab da ein gewisses Marktversagen", klagt Andreas Blust aus dem Infrastrukturministerium (BMVIT), "wir waren ins Hintertreffen geraten." Mit der Einführung des I2-Programmes Intelligente Infrastruktur wollte das Ministerium vor fünf Jahren gegensteuern. Mit Erfolg, meint Blust: "In einigen Bereichen spielen wir jetzt an der Spitze mit", behauptet er.

Herumgesprochen hat sich das freilich noch nicht. Unter Verkehrstelematik ordnet man in erster Linie die automatischen Warntafeln auf der Autobahn ein, die vor einem Stau warnen. Dass der vom Computer vermutete Stau sich womöglich längst aufgelöst hat, gehört zu den ärgerlichen Seiten der Verkehrstelematik.

Die Krux liegt in der Datenerfassung: Es gibt zu wenige und zu ungenaue Informationen über das Wetter und den Verkehr. Genau in jenem Bereich hat sich Österreich mittlerweile aber einen Namen gemacht. "Beim Bau von Sensoren sind wir erfolgreich", sagt Blust. Die Kameras am Straßenrand, die eine geringe Sichtweiten erfassen sollen, werden auf die Dauer intelligenteren Systemen weichen.

Denn Datenquellen gäbe es genügend: Die Autofahrer wissen schließlich am besten, was auf der Straße im Moment los ist. Eine Idee, auf die sich viele Hoffnungen richten, ist daher, genau diese Informationen zu erfassen. "Car-To-Car-Kommunikation" und "Kooperative Systeme" lauten die Schlagwörter. Die Daten, die in jedem Auto oder Lkw ohnehin erfasst werden, sendet man an einen zentralen Rechner, der sie dann auswertet. Interessant ist beispielsweise, ob die Scheibenwischer in Betrieb sind, da dies darauf schließen lässt, dass und wie stark es regnet; rutschende Fahrzeuge deuten auf Eisbildung hin; häufiges starkes Bremsen lässt Stau vermuten.

"Kooperativ" bedeutet also, dass die Fahrzeuge miteinander kommunizieren und auch mit der Infrastruktur, heißt: mit dem Straßensystem. Im Projekt Highway wird bei Magna Steyr derzeit untersucht, wie die Kommunikation technisch gelöst werden kann. Magna setzt auf Funknetzwerke. Ähnlich wie Handymasten, so glaubt Projektleiter Martin Kanitschnik, können künftig auch Wireless-LAN-Empfänger am Straßenrand aufgebaut werden. Über das Funknetzwerk übermitteln die Fahrzeuge ihre Daten an einen stationären Zentralrechner, dieser errechnet eine Fahrempfehlung und übermittelt sie zurück an den Autofahrer.

Den Vorteil sieht Karnitschnik darin, dass die Empfehlungen auf jeden Fahrer individuell zugeschnitten sind. "Wenn man pauschal alle paar Kilometer eine Warntafel sieht, dann hält man sich doch nicht daran", meint er. Er favorisiert Fahrempfehlungen, die auch vom Fahrzeugtyp abhängen und der Erfahrung des Fahrers.

Daten erfassen

Auch andere Projekte beschäftigen sich mit der Erfassung von Verkehrsdaten. Bei Go-Smart (Arsenal Research) wird untersucht, ob man die Daten aus der Lkw-Maut-Überwachung verwenden kann, um Rückschlüsse auf den Verkehrszustand zu ziehen; Atimo, Visa und Akut heißen drei Forschungsprojekte, bei denen Joanneum Research in Graz den Straßenlärm auswertet, um die Größe der Fahrzeuge oder deren Motorisierung feststellen zu können - wichtig vor allem für die Mautüberwachung.

Häufig genannt wird im Zusammenhang mit dem Schlagwort Verkehrstelematik die Hoffnung, dass man dadurch Staus vielleicht vermeiden könne. Das freilich verweist der Telematik-Forscher Michael Schreckenberg, heute, Mittwoch, Eröffnungsredner bei der Tagung "I2-Intelligente Infrastruktur - 5 Jahre Verkehrstelematik" im Liechtensteinmuseum (1090 Wien, Fürstengasse 1, 14-23), veranstaltet vom BMVIT, in die Welt der Illusionen: "Ich halte den Glauben, dass wir irgendwann keine Staus mehr auf der Straße haben, für etwas übertrieben." Die Steuerung von Verkehrsströmen sei nur begrenzt möglich; für realistischer hält er den Ansatz, dass Verkehr insgesamt besser planbar wird.

Mit dieser Idee beschäftigen sich drei Projekte, die den Nahverkehr berechenbar machen sollen. Untersucht wird, wie verhindert werden kann, dass Fahrgäste beim Umsteigen ihren Anschluss verpassen, weil ihr Bus oder ihre Bahn Verspätung hatte. Eines dieser Projekte wird derzeit beim Verkehrsverbund Vorarlberg (Vmobil) erprobt. "Auf dem Land kommt teilweise nur einmal pro Stunde ein Bus", beschreibt Vmobil-Geschäftsführer Christian Österle, das Problem, "wenn die Leute den Anschlussbus verpassen, dann beschweren sie sich zu Recht."

Vmobil hat die Busse mit Funksystemen ausgestattet, die automatisch melden, wenn der Fahrplan nicht eingehalten wird. Die Fahrer anderer Busse können dann entscheiden, ob sie noch warten wollen; die Fahrgäste werden darüber informiert. Österle sieht das Projekt als erfolgreich: "Dass einem der Bus beim Umsteigen vor der Nase wegfährt, das gibt es nicht mehr." Ein ähnliches Modellprojekt läuft zurzeit in Oberösterreich.

Auch die Fußball-EM 2008 wirft in der Verkehrstelematik bereits ihre Schatten voraus. Vor allem die Frage, wie man die Verkehrsströme in den Griff bekommen kann, die dabei auftreten, beschäftigt die Forscher: Eventmanagement lautet das Schlagwort. Eine Untersuchung der Wiener Linien hat ergeben, dass nach einer Großveranstaltung etwa 25.000 Menschen die U-Bahn benutzen. Ein Forschungsprojekt von Arsenal Research in Wien hat ein System untersucht, das die Menschen zählt, die sich in der U-Bahn-Station bewegen; eine automatische Einrichtung an den Schranken lässt dann nur so viele Fahrgäste ein, wie auf dem Bahnsteig Platz haben. Bei einer Computersimulation habe das funktioniert, sagt die Projektleiterin Katja Schechtner.

Neben diesen Projekten laufen derzeit noch zahlreiche andere, die Verkehrstelematik-Forschung in Österreich fördern sollen, um zu verhindern, dass die hiesige Forschung wieder ins Hintertreffen gerät. Mehr als 19 Millionen Euro an Fördergeldern hat das Infrastrukturministerium in den vergangenen fünf Jahren dafür in 100 Projekten bereitgestellt. (Jens Lang/DER STANDARD, Printausgabe, 21. März 2007)

  • Der Delorean, die Zeitmaschine aus "Zurück in die Zukunft": In der heimischen Verkehrstelematik hat man realistischere Vorstellungen.
    grafik: der standard

    Der Delorean, die Zeitmaschine aus "Zurück in die Zukunft": In der heimischen Verkehrstelematik hat man realistischere Vorstellungen.

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