Über die schlechte Nachred'

27. März 2007, 19:49
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Wie negative Klassifikation bei Türken zu Desintegration führt

Die schlechte Nachred’, im Soziologendeutsch „negative Klassifikation“, über türkische Migranten beschäftigt den gebürtigen Vorarlberger Soziologen Ferdinand Sutterlüty, Mitglied des Instituts für Sozialforschung Frankfurt. Seine empirische Studie „Negative Klassifikationen“ gibt erstmals Antworten auf die Fragen „Wer klassifiziert wen? Wer ist was in der deutsch-türkischen Nachbarschaft?“.

Drei Jahre lang gingen die Forschenden in zwei deutschen Städten im Ruhrgebiet und in Baden Württemberg, „ganz offen ins Feld“. Sie setzten sich in zwei ehemaligen Arbeitervierteln (Ausländeranteil von 10,6 Prozent und 45 Prozent) an Stammtische, in Diskussionen, Arbeitskreise, Familienrunden, führten Interviews. Ferdinand Sutterlüty: „Wir wollten wissen, ob die negativen Zuschreibungen eher zwischen oberen und unteren sozialen Schichten geschehen, vertikale Ungleichheiten sind, oder eher zwischen verschiedenen Altersgruppen, ethnischen Gruppen, Geschlechtern – also horizontale Ungleichheiten sind.“ Die Antwort war überraschend: „Ethnizität ist der Masterstatus.“ Egal, in welcher sozialer Stellung sich ein Türke, eine Türkin befinde, „wie verschiedene Verhaltensweisen bewertet werden, das hängt ganz stark von der ethnischen Zugehörigkeit des Handelnden ab“.

Weder Einbürgerung, noch der Aufstieg in den Mittelstand schützen vor schlechter Nachrede. Die „symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit in Köpfen und Handlungen“ sei stärker als der Wille, die Aufsteiger zu integrieren. „Der ideale Migrant ist immer noch der subalterne Gastarbeiter“ (Sutterlüty). Obwohl immer wieder die Integrationsbereitschaft der türkischen Nachbarn gefordert werde, diffamiere man ausgerechnet wieder jene, „denen es gelungen ist, aus dem Schatten der subalternen Marginalität ihrer Väter herauszutreten“. So wird der „avancierende Fremde“ gleich wieder schlecht gemacht.

Aufsteiger sind verdächtig

Das erste Klassifikationsmuster: türkische Gewerbetreibende sind zu fleißig und verzichtbereit, beuten sich und ihre Familien aus. Das zweite richtet sich an türkische Geschäftsleute, die ehemals deutsche Unternehmen übernehmen oder an erfolgreiche türkische Fußballclubs: „Die wollen alles von uns übernehmen.“ Werden Migranten politisch aktiv - Klassifikationsmuster Nummer drei - „wollen sie etwas holen“. Der vierte Vorwurf richtet sich an erfolgreiche türkische Unternehmer und Immobilienbesitzer, ihnen werden „kriminelle, halbseidene Machenschaften“ unterstellt. All die Vorwürfe kämen nicht generalisierend daher, sondern mit dem Zusatz: „Das haben wir beobachtet.“

Aber auch türkische Aufsteiger sind in der Beurteilung ihrer deutschen Nachbarn nicht zimperlich. Ihre schlechte Nachred’ gilt vor allem sozial benachteiligten Deutschen. Sutterlüty: „Da fühlen sich türkische Aufsteiger nicht nur ökonomisch, sondern auch moralisch überlegen. Die deutschen Unterschichten werden als sozial verwahrlost gesehen.“ Generell unterstelle man den Deutschen „soziale Kälte“. Aber auch „Unreinheit“ im moralischen Sinn. „Oberklassifizierer“ (Sutterlüty) sind auf beiden Seiten die Männer. „Die am meisten Macht haben, klassifizieren am stärksten. Es ist schlicht ein Spiegelbild der öffentlichen Meinungsmache.“

Partizipation ist der Weg zur Integration

Wie kommt man heraus aus dem Teufelskreis der gegenseitigen Negativbeurteilung? Ferdinand Sutterlüty sieht das beste Mittel zu Integration in politischer Partizipation. „Migranten müssen im institutionellen Sinne konfliktfähig werden. Dann können sie geltende Regeln in Anspruch nehmen.“ Durch Migrantenbeiräte, Initiativen, Parteien sollten sie an Entscheidungen, Macht und Subventionen teilhaben können. Gremien mit Alibifunktionen sind kontraproduktiv. „Da ziehen sich die Leute wieder zurück.“ Sinnvolle Integrationspolitik müsse von Migrantinnen und Migranten gemacht werden, denn: „Integration von oben funktioniert nicht.“ Die besten Möglichkeiten zur alltäglichen Kooperation ergeben sich, sagt der Sozialforscher „über pragmatische, ganz konkrete Fragen, wie den Bau eines Friedhofs, den Deutschunterricht“.

Bürgerliches Engagement und Migration ist auch Thema des Projekts "INVOLVE", das vom European Volunteer Center geleitet wird. Christoph Reinprecht vom Institut für Soziologie der Universität Wien führte zu Freiwilligenarbeit von Migrantinnen und Migranten eine explorative Studie durch. Wie die Befragung zeigt, stoßen ehrenamtlich engagierte Migrantinnen und Migranten – allein in Wien gibt es 500 Vereine - auf Barrieren: Die Mehrheitsgesellschaft biete keine Strukturen für die ehrenamtliche Tätigkeit. Reinprecht kritisiert die Subventionspraxis, die nur Projekte, aber nicht die organisatorische Basis fördere.

Als weiteres Hindernis sieht er „die Unzugänglichkeit von etablierten Wohlfahrtsorganisationen der Mehrheitsgesellschaft“. Reinprecht: „Wenn sich eine Organisation wie das Rote Kreuz gezielt öffnet und mehr Personen mit migrantischer Herkunft in ihre Struktur integriert, würde sie sich nach innen hin bereichern, zugleich könnte sie effizienter Angebote setzen." (jub/DER STANDARD, Printausgabe, 21. März 2007)

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