Die Schattenseiten des Bologna-Prozesses

13. Juli 2007, 13:53
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Bildungsexpertin Dzierzbicka: "Der freie Hochschulzugang wurde heimlich abgeschafft" - Verschulte Studienpläne und limitiertes Platzangebot erschweren das Studieren

1999 haben 29 BildungsministerInnen in Bologna die Angleichung der europäischen Studienarchitektur vereinbart - insgesamt 44 europäische Staaten beteiligen sich an den Umstrukturierungen. Bis zum Jahr 2010 soll ein einheitlicher europäischer Hochschulraum geschaffen werden. Die Förderung der Mobilität der Studierenden und Lehrenden, Verkürzung der Studiendauer, Qualitätssicherung sowie die bessere Nutzung des gesamteuropäischen Wissenspotenzials sind unter anderem Ziele des Bologna-Abkommens. Doch was bedeutet die Umsetzung für einzelne Studierende? Über diese Thematik fand eine Podiumsdiskussion im Wiener Depot statt.

"Freier Hochschulzugang abgeschafft"

"Der freie Hochschulzugang wurde heimlich abgeschafft. Bemerkenswert dabei ist der Umstand, dass niemand dafür verantwortlich ist. Bildungspolitische Entscheidungen werden so auf die Unis abgewälzt", sagt Agnieszka Dzierzbicka, Universitäts-Assistentin am Institut für Bildungswissenschaft. Zudem verweist die Wissenschafterin auf eine Entwicklung, die den ursprünglichen Intentionen des Bologna-Prozesses zu wider läuft: "Die Zahl der Studierenden, die ein Auslandsemester machen, sinkt, sind sie doch beschäftigt, die verschulten Module an ihrer Stammuniversität rechtzeitig zu absolvieren."

Starke Verschulung

Die Rohentwürfe der neuen Lehrpläne für die Bachelor- und Masterstudiengänge des Wiener Institutes für Bildungswissenschaften liegen laut Nina Wlazny, Mitglied der betreffenden Curricular-Arbeitsgruppe und Studienrichtungsvertreterin, vor. Im Entwurf des neuen Studienplanes sieht Wlazny eine "starke Verschulung". Aufeinander aufbauende Module, deren Absolvierung nach starren Reihenfolgen vorgeschrieben sei, würden die Autonomie der Studierenden einschränken. Das verstärkte Angebot von Lehrveranstaltungen mit Anwesenheitspflicht, würde das Studieren für Berufstätige beinahe unmöglich machen. Die verschärfte Prüfungsordnung erschwere generell die Studierbarkeit, erklärt Wlazny.

Limitierung der Studienplätze

"Für die neuen Studienpläne muss ein Kostenberechnungsmodell vorgelegt werden, das einerseits Kostenneutralität gegenüber der jetzigen Studienordnung und andererseits einen Abschluss innerhalb der Regelstudiendauer für alle zugelassenen Studierenden gewährleisten muss", erklärt Wlazny. Um diesen Vorgaben gerecht zu werden, sehe der Bachelor-Studienplan im Fach Bildungswissenschaften eine Reduktion von 700 auf 400 Studierende nach Beendigung der Studieneingangsphase vor. Das Master-Studium sei für nur 200 Studierende pro Studienjahr konzipiert, was eine weitere Limitierung der Studienplätze um rund 50 Prozent bedeute. Wie etwa die Selektion für die Masterstudienplätze erfolgen wird, ist bisher unklar.

Survival of the Fittest

Die verschulten Rahmenbedingungen würden zwangsläufig zu einer Reduktion der Studierenden führen: "In der Studieneingangsphase sollen die Leute mitkriegen, welcher Wind auf der Uni weht, und sich sozusagen selbst selektieren", bringt Wlazny die Philosophie der sogenannten Selbstselektion auf den Punkt. Für das Scheitern werden allein die Studierenden verantwortlich gemacht, "denn jeder hatte ja seine Chance", führt die Pädagogik-Studentin weiter aus.

Mehr Qualität?

Die Frage, ob die Selektion der Studierenden wirklich - wie oft argumentiert - zu einer Steigerung des Ausbildungsniveaus führt, war ebenfalls Thema der Debatte. "Wer in die FH erst einmal aufgenommen ist, wird so in die Pflicht genommen, dass er oder sie gar keine Chance mehr hat, abzuspringen", meint Josef Bakic, vom Studiengang für Sozialarbeit am FH Campus Wien. "Wer einmal drinnen ist, bleibt drinnen - auch im Interesse des Trägers, denn für jeden Studierenden fließt Geld", sagt Johannes Kellner, ehemaliger Student der FH-Diplomstudienganges für Sozialarbeit am FH Campus Wien. Bakic stellte zudem die Qualität der Lehrveranstaltungs-Evaluierungen an Fachhochschulen und Universitäten in Frage.

Kompatibel?

In der Frage, ob AbsolventInnen des Bachelor-Studiengangs der FH für Sozialarbeit und etwa Studierende mit Bachelor-Grad vom Institut für Bildungswissenschaften problemlos das jeweils andere Master-Studium fortsetzen könnten, war man sich am Podium einig: "Das ist aufgrund der unterschiedlichen Ausrichtungen nicht so einfach zu vereinbaren", so Bakic. (burg/derStandard.at, 21. März 2007)

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    Der Bologna-Prozess und seine Schattenseiten - Bildungsexpertin Dzierzbicka bezeichnet etwa den freien Hochschulzugang als abgeschafft.

  • v.l.n.r. Nina Wlazny, StRV Pädagogik, Universität Wien, Josef Bakic, Studiengang Sozialarbeit, FH-Campus Wien, Larissa Schindler, Institut für Soziologie, Universität Mainz (Moderation) ...
    foto: derstandard.at

    v.l.n.r. Nina Wlazny, StRV Pädagogik, Universität Wien, Josef Bakic, Studiengang Sozialarbeit, FH-Campus Wien, Larissa Schindler, Institut für Soziologie, Universität Mainz (Moderation) ...

  •  ... und Johannes Kellner, StuVe Sozialarbeit, FH-Campus Wien und Agnieszka Dzierzbicka, Institut für Bildungswissenschaft, Universität Wien diskutierten zum Thema "Arrangierte Bildung".
    foto: derstandard.at

    ... und Johannes Kellner, StuVe Sozialarbeit, FH-Campus Wien und Agnieszka Dzierzbicka, Institut für Bildungswissenschaft, Universität Wien diskutierten zum Thema "Arrangierte Bildung".

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