Die Psycho-Onkologin

21. März 2007, 19:06
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Erfahrung in Extremsituationen: Psychologin Verena Winkler betreut krebskranke Menschen am Wiener SMZ Süd

Verena Winkler interessiert, was Menschen psychisch krank macht, und vor allem, "wie man sie unterstützen kann, gesund zu bleiben". Für ihre Dissertation erhielt sie gerade den Preis für "innovative wissenschaftliche Arbeit in der Praxis" des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen. Dass der erstmals verliehene Preis speziell für psychologische Arbeiten vergeben wird, hält sie "berufspolitisch für ausgesprochen wichtig".

In der Beratungsstelle für familiären Brustkrebs am AKH Wien untersuchte sie für ihre Doktorarbeit ein psychosoziales Betreuungskonzept für Frauen mit erblich bedingtem Brustkrebsrisiko. Die Betroffenen können sich genetisch untersuchen lassen, was - unabhängig vom Ergebnis - belastend ist.

Erfahrung mit der Betreuung in Extremsituationen hat die 35-Jährige unter anderem drei Jahre lang in der Akutbetreuung Wien gesammelt, wo Menschen etwa nach dem Selbstmord eines Angehörigen, einem Verkehrsunfall mit Toten oder einer Geiselnahme betreut werden. Heute arbeitet die Wienerin als Klinische Psychologin am SMZ Süd im Zentrum für Onkologie und Hämatologie. Den Beruf erlebt sie als vielschichtig: "Mich motiviert, dass ein Gespräch einen Unterschied machen kann. Wenn ich meine Arbeit eines Tages nicht mehr als sinnvoll erlebe, suche ich mir schleunigst etwas anderes", so Winkler.

Lebensgeschichten

Krebs kann jeden treffen. Entsprechend lernt sie Patientinnen und Patienten eines großen Altersspektrums und in verschiedenen Lebenslagen kennen. Ebenso unterschiedlich sind die Lebensgeschichten und die Art, wie die Betroffenen auf ihre Erkrankung reagieren und damit umgehen. Arbeitsschwerpunkte sind Beratungen von Patientinnen und Patienten sowie ihren Angehörigen, Unterstützung bei Behandlung und Krankheitsverarbeitung - wie der Umgang mit Nebenwirkungen oder Ängsten - Entspannungsübungen, Krisenintervention, Sterbebegleitung und Trauerarbeit. Sich abzugrenzen lernt man in der Praxis. Sehr fehl am Platz seien "Menschen mit 'Helfersyndrom', die ihr eigenes Selbstwertgefühl überwiegend daraus beziehen, dass sie anderen helfen". Als wichtig für ihren Job hält sie außerdem "die Bereitschaft, eigene Annahmen zu hinterfragen, ständig weiterzulernen und Networking zu betreiben, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, Geduld sowie Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Werthaltungen".

Entscheidende Bedeutung hat das Wahren von Distanz und Nähe im Umgang mit PatientInnen. Für wirklich faszinierend hält sie die Individualität der Menschen und die subjektiven Welten: "Wenn mir jemand sein Vertrauen schenkt und Einblick in seine private Welt gewährt, ist das jedes Mal ein besonderer Augenblick."

Psychologie an der Uni Wien studierte sie, um Antworten auf die folgenden beiden Fragen zu finden: Was geht in anderen Menschen vor? Wie kann man jenen helfen, die leiden? Ein Arbeitsplatz im Spital war das Ziel; der Lehrgang für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie die Voraussetzung dafür. Problematisch findet Verena Winkler, dass im Rahmen dieser postgradualen Ausbildung "fertige AkademikerInnen fast ein Jahr praktisch gratis arbeiten müssen, um eine Berufsberechtigung zu erhalten, die Voraussetzung für einen großen Tätigkeitsbereich ist". Die leidenschaftliche Lehrende an der Uni und in verschiedenen Lehrgängen hält Didaktik für eine "hohe Kunst". (Astrid Kuffner/DER STANDARD-Printausgabe, 21.03.2007)

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OEPPO
  • Preisgekrönte Forscherin und praktische Beraterin: Verena Winkler
    foto: privat
    Preisgekrönte Forscherin und praktische Beraterin: Verena Winkler
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