Großbritannien: Zwischen Ignoranz und Abwehr

20. März 2007, 19:05
26 Postings

Auch unter dem Einfluss überwiegend EU-feindlicher Medien dürfte die britische Abwehrhaltung gegenüber einem starken Europa künftig noch stärker werden

Er hat sich stets einen „überzeugten Europäer“ genannt. Eines seiner erklärten Ziele aber hat Tony Blair, dessen Amtszeit in diesem Frühsommer zu Ende geht, sicher nicht geschafft: Großbritannien ein positives oder wenigstens nur realistisches Verhältnis zur EU beizubringen. Wenn es um Brüssel geht, dominieren im Parlament von Westminster und in den Londoner Medien bis heute zwei Verhaltensweisen: entweder Ignoranz oder instinktive Abwehr. Unter Blairs mutmaßlichem Nachfolger, Schatzkanzler Gordon Brown, und dessen konservativem Herausforderer David Cameron dürfte die britische Haltung noch feindseliger werden.

Selbst erklärte Gegner beklagen den Mangel an Informationen und Debatte über die EU in den britischen Medien. Die Briten seien eben nur „halbherzige Europäer“, seufzt die Financial Times und liefert in einer jüngsten Web-Umfrage auch gleich den Beweis: 52 Prozent der Insel-Bewohner halten die Verhältnisse in ihrem Land für schlechter, seitdem Großbritannien zur EU gehört. Das hat viel mit der Propaganda der EU-feindlichen Medien zu tun, nicht zuletzt der größten Boulevard-Zeitung Sun, die dem US-australischen Medienzaren Rupert Murdoch gehört. Murdochs Vorstellung von Europa stand erst jüngst wieder in einem Sun-Leitartikel: „Unsere Politiker müssen die EU dazu bringen, wieder zu jener Freihandelszone zu werden, die vor einem halben Jahrhundert angestrebt wurde.“

Der 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25. März bringt höchst ambivalente Gefühle mit sich, erinnert er die Briten doch an eines der größten Debakel ihrer Nachkriegsgeschichte: Wie die Londoner politische Elite die europäischen Einigungsversuche erst arrogant ignorierte, gar zu hintertreiben versuchte und dann fast 15 Jahre lang um die Mitgliedschaft in der EWG betteln musste, ehe 1973 endlich der Beitritt gelang, wenn auch zu schlechten Konditionen. Seither haben wechselnde britische Regierungen Europa stets vor allem als Freihandelszone begriffen und jede Erweiterung befürwortet, jede politische Vertiefung aber so lang wie möglich hinausgezögert.

So wehrte sich die Labour-Regierung auch lange gegen die geplante EU-Verfassung, ließ sich dann von der EU-feindlichen Presse zu einem Referendum überreden. Nur die Nein-Voten Frankreichs und der Niederlande retteten Blair vor einer sicher scheinenden Niederlage. Seither gilt die Verfassung als tot. Offiziell wird Verhandlungs_wille betont. Allerdings dürfte dieser erst zutage treten, wenn die Verfassung wirklich, wie in Brüssel diskutiert, mit der geplanten EU-Erweiterung verknüpft wird: London gilt als wichtigster Befürworter eines Beitritts der Türkei.

Unterdessen versuchen die schottischen Nationalisten (SNP) im laufenden Landtagswahlkampf den Menschen mit dem Hinweis auf Europa die Angst vor der Isolation zu nehmen. Wenn Schottland erst unabhängig sei, werde man mit Irland, Dänemark und Litauen am Tisch sitzen – keine unattraktive Zukunftsvorstellung für eine Region, deren Bewohner – ähnlich wie die Waliser – in Umfragen stets deutlich mehr Sympathie für die EU zeigen als die Engländer. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 21.3.2007)

  • Einflussreiche Gegner einer politisch starken EU: der britische Schatzkanzler und mutmaßliche Blair-Nachfolger Gordon Brown (li.) und Medienzar Rupert Murdoch.
    foto: epa/gillieron

    Einflussreiche Gegner einer politisch starken EU: der britische Schatzkanzler und mutmaßliche Blair-Nachfolger Gordon Brown (li.) und Medienzar Rupert Murdoch.

Share if you care.