Die Endlichkeit der Körper

30. März 2007, 14:05
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Eine Organtransplan­tation ist zentrales Thema in Sabine Grubers jüngstem Roman "Über Nacht" - die Autorin im STANDARD-Interview

Wien - Irma und Mira, zwei Frauenschicksale, verknüpft Sabine Gruber in ihrem jüngsten, kunstvoll komponierten Roman Über Nacht. Wie die Buchstaben ihrer Namen gleichen sich die Motive in beider Leben. Unterschiedlich zusammengesetzt, ergeben sie höchst verschiedene Existenzen: Irma in Wien, seit Jahren Dialysepatientin, erhält eine Niere transplantiert. Mira erlebt die Endlichkeit des Körpers als Pflegerin auf einer Krankenstation für alte Männer in Rom. Ihre Liebhaber, ihre Männer - wiederkehrende Namen, verwandte Konstellationen.

Über Nacht liest sich in mancher Hinsicht wie die Fortsetzung des letzten Romans der Südtiroler Autorin. In Die Zumutung hatte sie das allmähliche Versagen der Niere im Körper ihrer Protagonistin geschildert, eine Zerstörung, die sie aus eigenem Erleben kennt. Heute lebt sie selbst dank einer Transplantation.

"Über-Leben. Literatur trifft Wissenschaft" (siehe Programmkasten) heißt denn auch das Motto der am heutigen Mittwoch startenden Rauriser Literaturtage. In Gesprächen und Diskussionen konfrontiert Organisatorin Brita Steinwendtner beider Blicke auf die Realität. Sabine Gruber wird am Freitag nach einer Lesung aus ihrem Roman auf den Transplantations-Chirurgen Raimund Margreiter treffen.

Vor dem Flug zur parallel stattfindenden Leipziger Buchmesse fand sie Zeit für eine Melange im Café Prückel, einem Ort, den auch ihre Protagonistin aufzusuchen pflegt.

STANDARD: "Über Nacht" beginnt, wie "Die Zumutung" endet - mit einem Blick in den Himmel. Starenschwärme ballen sich zu runden Kreisen. "Das ist so, weil jeder in die Mitte will, keiner der Stare will am Rand bleiben. Wegen der Habichte, die ihnen nachstellen" heißt es später.

Gruber: Um der Gefahr zu entkommen, drängt alles in die Mitte. Man sieht das auch bei Fischschwärmen.

STANDARD: Die Schwächeren bleiben außen ...

Gruber: ... am Rand der Gesellschaft.

STANDARD: Die Isolation durch die Krankheit, die Existenz in einer Art Paralleluniversum, von der Umgebung nicht wahrgenommen, wird sehr stark spürbar in Ihren Büchern.

Gruber: Es gibt diese Diskrepanz zwischen Kranken und Gesunden, die, glaube ich, unüberwindbar ist. Das ist ja auch das Problem, dass Ärzte meist gesund sind. Sie helfen zwar, sie korrigieren, aber sie kommen über die Korrektur nicht hinaus. Oft ist es auch so, dass die Ärzte aus einem ökonomischen Umfeld kommen, in dem sie nicht mehr erkennen können, was die Leute krank macht.

STANDARD: Durch Krankheit psychischer oder physischer Natur - oder auch Armut - entstehen Parallelwelten, die im Weichbild des öffentlichen Blicks nicht vorkommen. Nicht reflektiert werden.

Gruber: Ich benütze immer den Begriff der Selbstvergessenheit für die Normalität. Diese Selbstvergessenheit wird durch die Krankheit zerstört, aufgelöst. Das Problematische ist bei bestimmten Krankheiten, dass sie äußerlich nicht sichtbar sind. Dass die Behinderung visuell nicht wahrnehmbar ist - und man von der Umwelt tatsächlich sehr allein gelassen wird.

STANDARD: Die Verdrängung des Themas zeigt sich auch in der mangelnden Informiertheit.

Gruber: Sehr wenige kennen, etwa im Fall der Transplantationen, die rechtliche Situation. So ist mir schon der Vorwurf gemacht worden, nichts über den kriminellen Organhandel zu schreiben. Nun gilt aber gerade in Österreich die Widerspruchslösung. Das heißt, jeder Mensch ist Spender, es sei denn, er meldete explizit Widerspruch dagegen an. Daher gibt es hier nicht diesen eklatanten Organmangel wie in Deutschland, wo die Zustimmungslösung praktiziert wird - nur jener spendet, der sich dezidiert als Spender eintragen ließ.

STANDARD: Seit wann gibt es in Österreich die Widerspruchslösung?

Gruber: Sie wurde 1982 unter Kreisky eingeführt. Der 1984 selbst transplantiert wurde.

STANDARD: Daher sein Verständnis für die Materie?

Gruber: Vielleicht. Ich weiß es nicht, ob das auf ihn zurückgegangen ist. Aber ich nehme an, dass dieses Hineinfühlen in die Situation, diese Empathie, die auch Politiker entwickeln, der Medizin sehr geholfen hat.

STANDARD: Eine Empathie, die Literatur zu fördern versteht.

Gruber: Ein Thema in beiden Büchern ist sicher das existenzielle Vakuum, das entsteht, wenn man einmal das Grundvertrauen in den Körper verliert. Die Einsamkeit, die sich da auftut, zu durchbrechen, ist eine Möglichkeit des Narrativen. Es gäbe noch viele Situationen, die hier zu schildern wären. Beispielsweise die Problematik bei Lebendspenden durch Verwandte oder durch Ehepartner und Lebensgefährten. Lebendspenden sind wie in meinem Fall - ich lebe mit der Niere meiner Mutter - eine große Chance, können aber auch in speziellen Situationen zu Abhängigkeitsverhältnissen führen. Deswegen ist es wichtig, dass die Beziehungen zwischen den Spendern und den Empfängern vorab geklärt sind. (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 3. 2007)

Zur Person:
Sabine Gruber, geboren 1963 in Meran, schrieb Lyrik, Theaterstücke und drei Romane.

Programm Rauris
Unter dem Motto "Über-Leben. Literatur trifft Wissenschaft" konfrontieren die 37. Rauriser Literaturtage von 21. bis 25. März literarische und wissenschaftliche Blickweisen. So trifft am Donnerstag (17.30 Uhr) Autor Peter Gruber auf den Meteorologen Hans von Storch im Gespräch über den Klimawandel. Am Freitag (19.00 Uhr) diskutiert Sabine Gruber mit dem Transplantations-Chirurgen Raimund Margreiter über "Körper - Seele - Identität", ein Thema, das danach auch Hugo Loetscher und Konrad Paul Liessmann aufgreifen. Autorin Ulrike Draesner und der Sport- und Bewegungswissenschafter Erich Müller sprechen über "Sport - Leistung - Massenphänomen" (Sa., 15.00 Uhr). Thomas Lehr und Physiker Anton Zeilinger über Phänomene von "Zeit - Raum - Realität" (Sa., 19.00 Uhr). Anschließend liest Christoph Ransmayr. (cia//DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 3. 2007)
  • "Die Kirche hat kein Problem mit der Transplantation. Dort geht es um die Rettung der Seele": Sabine Gruber.
    foto: hendrich

    "Die Kirche hat kein Problem mit der Transplantation. Dort geht es um die Rettung der Seele": Sabine Gruber.

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