Die Bildungspyramide steht Kopf

21. März 2007, 11:28
2 Postings

Finale des Uni-Reports 2007: Nach der Bestandsaufnahme der österreichischen Hochschulen blickte das STANDARD- Montagsgespräch in die Zukunft

"Universitäten: Wie weiter?" - Vier verschiedene Positionen, vier andere Wege.

****

Die Pyramide steht Kopf. Und das ist konstruktionstechnisch betrachtet kein wirklich beruhigender Befund. Eine umgedrehte Pyramide ist statisch nicht gerade ideal. Im Gegensatz. Hoch instabil kann sie jeden Moment kippen, und dann gibt es ein Malheur. Besonders, wenn die Pyramiden-Metapher den Zustand des tertiären Bildungssystems (also den Hochschulbereich) meint, das in einer Möchtegern-"Wissensgesellschaft" eigentlich ein Kernproduktionsfaktor sein sollte. Es sollte also tunlichst nicht zusammenkrachen.

Wenn die Politik nicht bald ein paar existenzielle Entscheidungen trifft, könnte es aber zu größeren Flurschäden kommen, warnte der Präsident der Rektorenkonferenz, Christoph Badelt, beim Montagsgespräch des Standard. Die Dinge im tertiären Bereich stehen nämlich an strategischen Punkten an einer entscheidenden Weggabelung. "Universitäten: Wie weiter?" war denn auch das Thema des Abends im vollbesetzten Auditorium im Haus der Musik.

Standard-Chefredakteur Gerfried Sperl gab als Moderator den Lotsen durch das unübersichtliche Feld der Universitätspolitik, in das die vier Podiumsäste aus unterschiedlichen Perspektiven und Interessenlagen ihre Wegpfeiler in die Zukunft einschlugen.

Badelt skizzierte das Grunddilemma der Universitäten mit einer Episode, die er unlängst beim Besuch der BeST, der Messe für Beruf, Studium und Weiterbildung, die von tausenden Jugendlichen besucht wurde, erlebt hat. Dort war so ziemlich alles vertreten, was zum "tertiären Bildungsmarkt" zählt, 370 Bildungseinrichtungen - "und eine kuriose Verzerrung", berichtete Badelt: "Fünfzehn von ihnen dürfen sich ihre Studierenden nicht aussuchen. Bei fünfzehn von ihnen spielt es keine Rolle, wie viel Platz da ist." Wer sind die 15? "Die wissenschaftlichen Universitäten. Die, die nach jeder Logik eigentlich an der Spitze stehen sollten." Tun sie aber nicht, denn die Pyramide steht Kopf. Badelts Schlussfolgerung: "Wir brauchen eine gesamthafte Neuplanung des tertiären Bildungsbereichs."

Dieser Problemskizze mochte sich Wissenschaftsminister Johannes Hahn (VP) nicht völlig entziehen und meinte: "Wir dürfen die Zugangsfrage und die Drop-outs nicht durcheinanderbringen." Um die Zahl der Studienabbrecher zu reduzieren, will Hahn schon durch eine prophylaktische Informationsoffensive in den höheren Schulen gegensteuern.

Darüberhinaus gelte aber: "Den Zugangsregelungen an den Unis haben wir uns zu stellen." Aber wo, wenn überhaupt, die Grenze ziehen, und wenn ja, wie? Hahn schlug folgende politische Leitpflöcke ein: Es sei eine politisch zu entscheidende Frage. Beim Bakkalaureat solle das "Grundziel" sein, es "frei zu gestalten", über Master und PhD "wird man sicher diskutieren müssen". Dass er vielleicht irgendwann der politische Grenzzieher sein könnte, wenn sich Rot-Schwarz über das Thema drübertrauen sollte, scheint Hahn zu ahnen, darum deponierte er noch Folgendes: "Einen Numerus Clausus als Auswahlprinzip schließe ich aus. Das halte ich für die blödeste Idee." Knapp danach rangieren in der ministeriellen Auswahlmethoden-Hierarchie "eine Prüfung nach zwei Semestern, das ist verlorene Zeit". Und dann? "Wenn Auswahl, dann Aufnahmetests oder zwei, drei Prüfungen vor dem Studium, damit nicht Zeit vergeudet wird."

Nicht Zeitverlust, sondern Demokratieverlust war ein zentraler Kritikpunkt von ÖH-Chefin Barbara Blaha. Die SPÖ-Dissidentin, die wegen der Studiengebühr aus der Partei ausgetreten ist, kritisierte an der Uni-Politik der vergangenen Jahre, konkret am Unigesetz 2002, "dass die inneruniversitäre Demokratie weitgehend abgeschafft wurde". Sie fand aber auch einen der raren Punkte, der sie mit ihrem "Gegenspieler" im Uni-System, Rektorenchef Badelt, verbindet: "Die Unis sind nach wie vor unterfinanziert. Da kämpfen wir Seite an Seite." Was bei der Uni-Zugangsdiskussion eher schwierig werden dürfte. Badelt fiel dann auch noch ein Rektoren-ÖH-Konsenspunkt ein: Teilzeitstudien mit fairen Kosten für berufstätige Studenten.

Minister, Rektoren, Studierende - da war doch noch wer an den Unis? Die Lehrenden, vom Lektor bis zur Professorin. Die vertrat der Vorsitzende der Hochschullehrergewerkschaft in der GÖD, AKH-Unfallchirurg Richard Kdolsky. Und wie lautet seine Antwort auf die Frage "Unis, wie weiter?" Mit "Reparaturen" des Unigesetzes, einem Airbag namens Kollektivvertrag und neuen Chancen für "die verlorene Generation an den Unis", die zwischen altem Beamtenmodell und neuer Autonomie im universitären Luftloch landeten. Nein, man wolle keine "Quasi-Pragmatisierung", entwarnte Kdolsky. Mit modernen Karrieremodellen und "vernünftiger und vorausplanender Personalpolitik" wäre schon geholfen. Als Negativbeispiel fiel dazu dann noch das Wort vom "Schrebergärtner, der sich einen anderen Schrebergärtner aussucht".

Aber Kdolsky sähe es überhaupt gern, wenn in der Debatte über Sinn und Aufgabe von Hochschulen eins außer Streit gestellt wäre: "Universitäten sind keine Industriebetriebe." (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 21. März 2007)

  • Universitäten: Wie weiter? ÖH-Chefin Barbara Blaha, Rektorenchef Christoph Badelt, Wissenschaftsminister Johannes Hahn und Hochschullehrergewerkschafter Richard Kdolsky (v. li.) setzten - gelotst von Chefredakteur Gerfried Sperl (Mi.) - unterschiedliche Richtungspfeiler.
    foto: urban

    Universitäten: Wie weiter? ÖH-Chefin Barbara Blaha, Rektorenchef Christoph Badelt, Wissenschaftsminister Johannes Hahn und Hochschullehrergewerkschafter Richard Kdolsky (v. li.) setzten - gelotst von Chefredakteur Gerfried Sperl (Mi.) - unterschiedliche Richtungspfeiler.

  • Ich wünsche mir eine Uni, die alle am Wissensprozess Beteiligten ernst nimmt, anhört und mitbestimmen lässt. Barbara Blaha
    foto: urban

    Ich wünsche mir eine Uni, die alle am Wissensprozess Beteiligten ernst nimmt, anhört und mitbestimmen lässt. Barbara Blaha

  • Was beim Uni-Zugang passiert, ist Zynismus pur - zu sagen, kommt's nur herein, aber nachher haben wir keinen Platz. Christoph Badelt
    foto: urban

    Was beim Uni-Zugang passiert, ist Zynismus pur - zu sagen, kommt's nur herein, aber nachher haben wir keinen Platz. Christoph Badelt

  • Die Zugangsgeschichte ist am Ende des Tages eine hochpolitische Frage. Aber das Bakkalaureat sollte man frei gestalten. Johannes Hahn
    foto: urban

    Die Zugangsgeschichte ist am Ende des Tages eine hochpolitische Frage. Aber das Bakkalaureat sollte man frei gestalten. Johannes Hahn

  • Wir sprechen nie über die Qualität des Lehrbetriebs. Lehre ist in Hochschulkarrieren ein Stiefkind. Dabei ist sie eine Hauptaufgabe. Richard Kdolsky

    Wir sprechen nie über die Qualität des Lehrbetriebs. Lehre ist in Hochschulkarrieren ein Stiefkind. Dabei ist sie eine Hauptaufgabe. Richard Kdolsky

Share if you care.