"Zu meiner Zeit?!"

21. März 2007, 07:00
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In ihrer Publikation "Älter werden" macht sich Silvia Bovenschen feinsinnige Gedanken über ein wichtiges Thema unserer Zeit

Berührende, auch witzige Sequenzen einer bürgerlichen Mädchenzeit in Deutschland nach 1945. Berichte einer tapferen Frau, die an Multipler Sklerose erkrankt ist, berufstätig war/ist und mitten im Leben steht oder besser gesagt sitzt ... "Älter werden" ist ein sehr persönlicher Text der weisen Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen, welche kluge und immer wieder sehr amüsante Überlegungen zum Älter werden und zum Alter an sich nieder geschrieben hat: "Grammatik: Das ist bekannt: eine ältere Frau ist jünger als eine alte Frau. Wie groß muss doch die Angst vor dem Alter sein, dass sie sogar die Grammatik vergewaltigt."

Die Autorin vermag es mit Leichtigkeit und Heiterkeit über große und immer wieder sehr traurige, schwere Themen zu schreiben: "Zu meiner Zeit – höre ich mich tatsächlich sagen: Zu meiner Zeit? Wie kam diese alberne Formulierung in meinen Sinn? Die liebe Zeit, wann ist, vielmehr wann war das denn: meine Zeit? Bin ich schon aus der allgemeinen Zeit herausgefallen?"

Symptome

Manchmal erzählt Bovenschen von ihrem Ärger, beispielsweise über die 68er, welche alles vergessen wollen, "um ihren individuellen Irrtum zu verwässern". Die ein wenig spöttische Aufzählung einzelner Symptome des Älterwerdens erheitert: "1. Symptom: Untrügliches Anzeichen des Älterwerdens. Ich ertappe mich beim Konsum von Tierfilmen im Fernsehen. Das hätte ich nicht von mir gedacht. Ich höre aber wieder damit auf. Ich kann den verschmunzelten onkelhaften Ton der Kommentatoren nicht ertragen."

Bovenschens Gedanken zu Raucherzimmern in den Krankenhäusern, zu Zahnbehandlungen, zum Gralshüter der Kritischen Theorie Theodor W. Adorno - u.a. "ich fand den kleinen rundlichen Mann mit den großen dunklen Augen sehr liebenswürdig" –, zur Domestikation der Erinnerung, zu den Wegen aus der Verzweiflung, zu den Versäumnissen, zum Glück - sie alle berühren und die Zitate anderer AutorInnen machen Lust auf diese. Es ist ein feinsinniger Bericht über eines der zentralen Themen unserer nahen Zukunft und somit von ungewöhnlicher Notwendigkeit für alle, die alt werden möchten und pures Lesevergnügen für alle, die gerne Denken und gerne Nachdenken.

Biografisches

Silvia Bovenschen, geboren 1946, lebt als Literaturwissenschaftlerin und Essayistin in Berlin. Im Jahr 2000 wurde sie mit dem Roswitha Preis der Stadt Gandersheim und dem Johann-Heinrich-Merck-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet. Zuletzt erschienen "Schlimmer machen, schlimmer lachen" (1990) und "Über-Empfindlichkeit. Spielformen der Idiosynkrasie" (2000).
(Ruth Devime)

Silvia Bovenschen.
Älter werden.
154 S. / 18,40 Euro.
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2006.
ISBN 978-3-10-003512-7
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