Neue Handys sollen Schlüsselbund und Geldbörsen ersetzen

29. Juni 2007, 10:04
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Mobilkom startet in wenigen Wochen Pilotprojekt im Nahverkehrsbereich - "Berühren wird das neue Klicken"

Handys sind in den vergangenen Jahren zum MP3-Player, Internetzugangs-Gerät und digitalen Fotoapparat mutiert. Jetzt sollen die mobilen Alleskönner - geht es nach den Proponenten der Nahfunktechnik (Near Field Communication, NFC) - auch noch Schlüsselbund, Geldbörse und Ausweis ersetzen. Die Chancen dafür stehen gut, erklärten Experten am Dienstag bei einer Konferenz an der Fachhochschule (FH) Hagenberg in Oberösterreich. Einige Unternehmen scharren jedenfalls schon in den Startlöchern.

Pilotprojekte

"Wir planen heuer Pilotprojekte, die relativ schnell umgesetzt werden können. Erste kommerzielle Dienste sind für 2008 vorgesehen", erklärte Hannes Ametsreiter, Marketingvorstand der Mobilkom Austria, im Gespräch mit der APA. In wenigen Wochen soll es bereits Testläufe im Nahverkehrsbereich geben. Auch der Handel sende "erste Signale". "Die sind natürlich an der schnelleren Abwicklung an den Kassen und Kosteneinsparungen interessiert", so Ametsreiter.

NFC

Near Field Communication (NFC) wurde laut den Angaben von der früher zu Philips gehörenden NXP Semiconductors und Sony im Jahr 2002 in Österreich erfunden. Die auch als "Nahfunktechnik" bezeichnete Technologie ermöglicht einen sicheren, kabellosen Datenaustausch zwischen elektronischen Geräten über Distanzen von wenigen Zentimetern - beispielsweise indem man sein Mobiltelefon in die Nähe eines Terminals hält. Einsatzgebiete sind die Bezahlung per Handy, die Berechtigung einen Raum betreten zu dürfen oder der Ticketkauf über "Smart Poster", bei dem das Mobiltelefon nach der Zahlung zur persönlichen Eintrittskarte wird.

Einfaches Bezahlen

Die einfache Bezahlung sei für die Mobilkom der wichtigste Aspekt bei NFC. Mit M-Commerce und dem Bezahlsystem paybox erzielt das Unternehmen laut den Angaben inzwischen ein Transaktionsvolumen von 60 Mio. Euro. Großes Potenzial sieht man in der Möglichkeit, Guthaben online über Mobilfunk aufzuladen, um dann über NFC zu bezahlen. "Das ist einfacher als in der Trafik eine Wertkarte zu kaufen", ist Ametsreiter überzeugt. Die Mobilkom werde jedenfalls versuchen, dem Medium Handy neue Funktion zuzuordnen. Neben den Mobilfunkern sind aber auch Kreditkartenunternehmen - wie beispielsweise MasterCard - an der NFC-Technologie interessiert. "Da müssen wir schneller und smarter sein", sagte der Mobilkom-Manager. Österreich nehme jedenfalls auf diesem Gebiet eine führende Rolle in Europa ein.

Probleme

Dass durch NFC neue Probleme auf die User zukommen, bestreiten Experten. "Das Handy zu verlieren ist nicht so dramatisch, da man alle Funktionen durch einen Anruf bei der Hotline sperren lassen kann. Das geht bei der Geldbörse oder beim Schlüsselbund nicht", relativierte Christoph Schaffer vom Studiengang Mobile Computing an der FH Hagenberg. Neue NFC-Handys von Nokia würden außerdem auch bei entladenem Akku funktionieren. "Vielleicht ist NFC die neue Killer-Anwendung, die Bargeld obsolet macht. Aber da haben wir noch einen langen Weg vor uns", sagte Schaffer.

Zahlen, Zutritt und Kommunikation

Die Technologie könnte aber nicht nur Zahlungen und den Zutritt erleichtern. "Ein weiteres Einsatzgebiet ist die Kommunikation zwischen Geräten - so könnte sich der Fernseher automatisch auf den Videorekorder abstimmen oder eine Bluetooth-Verbindung aufgebaut werden", erklärte der Experte. Noch nicht gelöst ist die Rückzahlung des Guthabens bei "versehentlichem Fehlkauf", da dadurch Sicherheitslücken entstehen könnten.

"Berühren wird das neue Klicken"

"Berühren wird das neue Klicken", prognostizierte Gerhard Romen vom Handymarktführer Nokia. Da rund 85 Prozent der Mobilfunknutzer die Bedienungsanleitung nicht lesen würden, müsse die Einfachheit im Vordergrund stehen. "NFC ist sehr intuitiv: Einmal berühren und man hat bezahlt. Dadurch könnte mittelfristig die Kreditkarte abgelöst werden", so Romen. Laut Prognosen sollen weltweit bis zum Jahr 2010 bereits 350 Millionen NFC-Handys im Einsatz sein, das entspreche einer Penetration von fast 30 Prozent.

Hagenberg

In einem Pilotprojekt an der FH Hagenberg werden derzeit erste Erfahrungen mit NFC gesammelt. Die Tester sind mit entsprechenden Handys ausgestattet und haben Zutritt zu Hörsälen, Labors, der FH-Garage sowie den Kantinen und können bei Automaten per Mobiltelefon zahlen. Kooperationspartner sind Mobilkom Austria, NXP Semiconductors Austria und voestalpine Informationstechnologie.

Hohe Akzeptanz

Internationale Tests haben laut Angaben von Philips eine hohe Nutzerakzeptanz ergeben. Im deutschen Hanau wurde beispielsweise die Bezahlung in öffentlichen Verkehrsmitteln vom Probelauf direkt in den Regelbetrieb überführt. Beteiligt waren bei der weltweit ersten kommerziellen Einführung der NFC-Technologie der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV), Nokia, Vodafone und Philips. Die Handys können dabei als elektronische Busfahrkarten verwendet werden und räumen dem Besitzer außerdem günstige Konditionen in lokalen Einzelhandelsbetrieben und bei Veranstaltungen ein.

Eine Stadt als Test

In der französischen Stadt Caen konnten die Testpersonen NFC-Handys als Zahlungsmittel für Einkäufe und Parkgebühren sowie zum Abrufen von Informationen über Sehenswürdigkeiten an speziellen Terminals nutzen. Weitere Einsatzmöglichkeiten waren der Erwerb von Handy-Content, wie Klingeltönen oder Hintergrundbildern, über in der ganzen Stadt angebrachte NFC-bestückte Poster. Bereits zuvor hat der 1. FC Köln NFC-Technologie als kontaktlose Ticketing-Lösung eingesetzt.(APA)

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