Pressestimmen: "USA in der Sackgasse"

21. März 2007, 15:58
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"Künstlicher Optimismus" - "Lerneifrige Guerilla"

Paris/Stockholm/Berlin/Barcelona/Bukarest - Eine düstere Bilanz vier Jahre nach der Irak-Invasion zieht am Dienstag die europäische Presse:

"Le Figaro" (Paris)

"Hunderttausend Iraker sind tot. Mehr als 3000 Amerikaner haben ihr Leben verloren und das der 32.000 in die USA zurückgekehrten Verletzten ist in vielen Fällen für immer beschädigt. Was nun? In Washington denkt man bereits an die Zeit nach dem Fiasko. Im Pentagon bereitet man den schrittweisen Rückzug der Truppen vor, das Außenministerium genehmigt Gespräche mit Syrien und dem Iran. Was sollte die Welt tun und was Europa? Man könnte versucht sein, die Katastrophe zu beobachten, die Hände in Unschuld zu waschen. Aber das ist nun doch keine Option. Die Stabilität des Nahen Ostens ist für Europa noch wichtiger als für die USA. Man kann die Vereinigten Staaten dafür kritisieren, sich in diese Sackgasse verirrt zu haben, wird ihnen aber eines Tages heraushelfen müssen."

"Dagens Nyheter" (Stockholm)

"Der gemeinsame Nenner lautet Resignation, wenn der Krieg im Irak nun in sein fünftes Jahr geht. Im Land selbst, in den USA und in der Umwelt, die feststellen muss, dass sich alle Warnungen vor der Invasion auf schreckliche Weise erfüllt haben. Die Suche nach Lichtblicken und Optimismus wirkt künstlich. In Wahrheit ist eine humanitäre, wirtschaftliche und politische Katastrophe eingetreten. Die Entscheidung zur Entmachtung von Saddam Hussein mit militärischer Gewalt muss als einer größten außenpolitischen Fehler seit dem Zweiten Weltkrieg angesehen werden."

"Frankfurter Rundschau"

"Regt sich noch jemand auf über den Dauerkrieg im Irak? Dabei lässt sich eine Bilanz ziehen, die einen großen Aufschrei rechtfertigen würde. Dieser Krieg, von den Neokonservativen in Washington zielbewusst inszeniert und durchgezogen, hat weltweit einen zivilisatorischen Rückschritt bewirkt. Weil die Logik des Militärischen wieder ins Zentrum gerückt wurde, mit der Konsequenz neuer Aufrüstung vielerorten. Weil die Autorität der Vereinten Nationen rundum beschädigt ist, weil Europas Einigungsprozess mental um Jahre zurückgeworfen wurde, weil auch die Glaubwürdigkeit des Hilfsansatzes in Afghanistan leidet. Kurz: Weil viele und große Hoffnungen auf neue, zivilere Formen der Konfliktlösung zerschlagen wurden."

"Stuttgarter Zeitung"

"Der Krieg wurde mit Lügen begründet. An die Nachkriegszeit hat man in Washington damals nicht gedacht. Man hatte erwartet, dass die Iraker wie die Deutschen 1945 die amerikanischen Befreiungstruppen dankbar begrüßen würden. Bush hat sich in einer Reihe mit Roosevelt gesehen, einem der bedeutendsten US-Präsidenten. Da Bush offensichtlich beratungsresistent ist und unfähig, Fehler zuzugeben und seinen Kurs zu korrigieren, wird er sich zunehmend im Weißen Haus von der Realität abschotten. Aber der Streit in den USA über diesen unsinnigen Krieg mit seinen fatalen Folgen wird noch schärfer werden."

"Westdeutsche Zeitung" (Düsseldorf)

"Im November erteilten seine Landsleute Bush und den Republikanern bei den Kongresswahlen bereits eine schallende Ohrfeige. Dass die Demokraten in 19 Monaten auch das Weiße Haus zurückerobern, erscheint angesichts der Stimmung im Lande fast unvermeidlich. Auch international bewegt sich die US-Regierung immer weiter ins Abseits. Die 'Koalition der Willigen' bröckelt, und mit dem Teilabzug der Briten droht nun auch der Verlust von Bushs wichtigstem Verbündeten. Nicht zuletzt häufen sich die blamablen Parallelen zu Vietnam. Je länger der Krieg dauert, desto öfter wird Bush hören müssen, dass Irak 'sein Vietnam' sei, ein politisches Vermächtnis, mit dem wohl kein US-Präsident gern aus dem Amt scheiden wollte."

"El Periódico de Catalunya" (Barcelona)

"Der Irak ist vier Jahre nach der Invasion für die USA zum schlimmsten Fiasko seit dem Vietnam-Krieg geworden. US-Präsident George W. Bush kann noch so oft erklären, die Amerikaner könnten den Krieg noch gewinnen, die Realität sieht anders aus. Auch in Afghanistan verschlechtert sich die Lage permanent. In beiden Ländern ist der Wiederaufbau gescheitert, weil es an Mitteln und am politischen Willen gefehlt hat. Eine Stabilisierung im Irak und ein Abzug der Truppen werden nur möglich sein, wenn für die Konflikte im Nahen Osten eine regionale Lösung gefunden wird."

"Gandul" (Bukarest)

"Das Resultat ist jetzt bekannt: Ein niederschmetternder Misserfolg der Bush-Administration. Doch auch nach dem Feldzug ist Amerika genauso stark, vielleicht noch stärker als vorher. Der technologische Unterschied zwischen den USA und der EU wurde nach dem Beitritt Rumäniens und Bulgariens auf 22 Jahre geschätzt. Die hunderten Milliarden, die in die amerikanische High-Tech- Verteidigungsindustrie investiert wurden, haben wahrscheinlich zu diesem Gefälle beigetragen. Diese riesigen Summen, die Europa in die Pleite getrieben hätten, haben das (US-)Haushaltsdefizit auf Rekordniveau gebracht, doch ist der Preis der Hamburger in Amerika deswegen nicht gestiegen. (...) Die irakische Lektion besteht darin, dass für Amerikas Fehler alle bezahlen, egal, ob sie daran teilhaben oder nicht."

"die tageszeitung" (taz) (Berlin)

"Vier Jahre nach Beginn des Krieges im Irak zeigt die Guerilla, dass sie sich jedem Schwenk in der US-Militärstrategie anpasst. Auf die jüngste US-Truppenverstärkung reagiert sie mit dem Abschuss von Hubschraubern und Chemiewaffen gegen Zivilisten. Die US-Armee verbreitet immer wieder Optimismus, während die Guerilla aber in Wirklichkeit fast immer eine Nasenspitze voraus ist. (...) Die Guerilla lernte schnell und ließ sich fortan nicht mehr auf eine direkte Konfrontation ein. In dieser Phase zogen sich die Aufständischen bei jeder US-Offensive still und leise zurück, um sofort wieder aufzutauchen, sobald die US-amerikanischen Soldaten abgezogen waren. Mehrere groß angekündigte US-Offensiven verpufften."

"Handelsblatt" (Düsseldorf)

"Genau das ist die Situation vier Jahre nach dem Beginn des Kriegs: Die USA sind zutiefst uneinig, welche Haltung sie zu diesem Krieg einnehmen sollen. Warum? Weil es keine guten Optionen mehr gibt. Sämtliche Auswege sind lediglich Variationen schlechter Lösungen. (...) Bei der Einbindung der Regionalmächte im Irak-Konflikt geht es daher sowohl um eine Exitstrategie als auch um eine Blaupause für die Zeit nach einem Abzug aus dem Irak. Das Ausmaß der Katastrophe im Irak muss begrenzt bleiben (...) Teheran befindet sich auf einmal auf einer Machthöhe, die es vor vier Jahren selbst nicht für möglich hielt."

"Der Tagesspiegel" (Berlin)

"Als die 'Koalition der Willigen' im März 2003 in den Irak einmarschierte, nahmen die Amerikaner an, ein Sieg wäre eine Frage von Wochen. Dann sollte das Land, von seinem Diktator Saddam Hussein befreit, als US-freundliche Demokratie zum stabilisierenden Faktor in Nahost werden. Heute, vier Jahre nach Kriegsbeginn, ist Washington ratlos, wie es im Irak weiter verfahren soll - und die Stimmung der Menschen im Zweistromland ist so pessimistisch wie noch nie." (APA/dpa/AFP)

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