Nachschau im Niemandsland

19. März 2007, 20:02
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Das Filmarchiv Austria würdigt den Autor und Regisseur Herbert Holba (1932–1994) In einem "Niemandsland zwischen gestern und morgen" ereignen sich gruppendynamische Prozesse

Herrschaft und Aufstand werden erprobt, Einzelgänger eingemeindet, Tyrannen vertrieben. Am Ende steht jedoch nur wenig gegen einen Ausdruck von Ernüchterung – Strukturen bleiben bestehen, die Akteure sind austauschbar.

Die ersten Tage heißt Herbert Holbas erster Kinospielfilm. Im Vorspann wird er als "Kinematogramm mit Musik und Geräuschen sowie 67 Zwischentiteln" bezeichnet. Tatsächlich funktioniert er als eine veritable Bewegtbildgeschichte, in welcher knappe Texte, oft nur einzelne Worte, eine Lesart der folgenden Sequenz vorgeben, die dieser bis zu einem gewissen Grad äußerlich bleibt. ("Der komische und der weniger komische Reiter" bezeichnet beispielsweise zwei Männer, die zu Fuß mit ihrem gemeinsamen Pferd unterwegs sind.)

Die lichten Schwarz-Weiß-Aufnahmen, häufig von einer extrem beweglichen Handkamera aufgezeichnet – geführt von Xaver Schwarzenberger und Kurt Brazda –, kontrastieren auch formal mit den statischen Texttafeln. Die ersten Tage hat als eigenwillige Auslotung filmischer Erzählmöglichkeiten und als Ausdruck einer politischen Haltung auch heute noch Bestand. Seine Uraufführung erlebte er 1971 immerhin im Internationalen Wettbewerb der Berlinale. Was jedoch wenig zu einer nachhaltigen Bekanntheit von Film oder Regisseur beitrug. Vor dieser Arbeit hatte Holba seit 1961 unter anderem einen Dokumentarfilm geschrieben und inszeniert sowie mehrere Kurzfilme. Auch diese ohne Originalton, ohne Dialoge, aber dafür mit einem tönenden Score aus Geräuschen, Musik oder Gesprächsfetzen versehen.

In Sie, der in zwei Versionen existiert, die sich vor allem hinsichtlich der Tonspur unterscheiden, tauchen zu teils dokumentarischen, teils inszenierten Aufnahmen aus der Lebenswelt jugendlicher Poseure und Aktivisten etwa Arbeiterlieder, Pop-Songs sowie kurze Statements aus dem Off auf. Diese künden anno 1967 vom Beharrungsvermögen des Ewiggestrigen (in Form von Artikulationen eines Antisemiten), aber auch von einer Skepsis gegenüber dem Neuen (die Litanei-Werdung kommunistischer Analysen). Die Montage versöhnt nicht, sondern betont den offenen Konflikt.

Das Filmarchiv Austria widmet Herbert Holba, dem "Cineasten, Filmkritiker und Filmhistoriker, Regisseur für Film, TV, Rundfunk und Bühne", sein Diagonale-Programm. Zugleich ist das Tribute jedoch auch Teil der von Olaf Möller kuratierten Schau "Die verworfene Avantgarde. Bruchstücke einer österreichischen Filmgeschichte der 70er-Jahre", die bis zum 3. 4. im Wiener Metro-Kino läuft. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 203.2007)

22.–24. 3. im augartenkino kiz, Beginn um 20.00 (Do) beziehungsweise um 19.30 (Fr) und um 16.30 (Sa)

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