"Studium schaff ich blind"

19. März 2007, 19:01
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Die 20-jährige Cornelia Pertiller studiert in Linz "integriert" Informatik und Mathematik

"Shut up", hallt es durch den Aufenthaltsraum der Johannes Kepler Uni in Linz. Jene englischen Studenten, die es eben noch belustigend fanden, dass Cornelia Pertiller dem Standard ein Interview gibt, verstummen schlagartig. Die 20-jährige Informatik- und Mathematikstudentin kann sich durchsetzen, trotz einer schweren Sehbehinderung. "Ich habe nur noch rund 40 Prozent Sehleistung. Probleme bereitet mir vor allem das Lesen. Schon nach wenigen Minuten bekomme ich Kopfweh und mir wird schlecht", erzählt die zierliche Salzburgerin, die vor drei Jahren zu Studienzwecken nach Oberösterreich "auswanderte".

Der Grund warum die Wahl auf Oberösterreich fiel, ist das Institut "Integriert Studieren", ins Leben gerufen vom Linzer Universitätsdozenten Klaus Miesenberger. Das österreichweit einzigartige Projekt bietet Sehbehinderten, Blinden oder anders körperbehinderten Menschen die Möglichkeiten zum Studium. Für Blinde würde sich die Linzer "Campus-Uni" ganz besonders eigenen: "Da habe ich alles unter einem Dach und muss nicht wie in Salzburg oder Wien für eine Vorlesung durch die ganze Stadt hetzen." Wohl wichtigstes Utensil im Studentenleben ist der Laptop. "Es gibt für uns keine Sonder-Vorlesungen. Wir mischen uns unauffällig unter die sehenden Studenten", schmunzelt Cornelia Pertiller. Mitgeschrieben wird dann während der Vorlesung jedes Wort, zu Hause wiederholt werden kann dank einer speziellen Sprachausgabe. "Besonders beliebt bin ich bei eher faulen Studenten, die wissen ja, dass ich alles mitschreiben muss", lacht die 20-Jährige.

Zu stressige Uni-Feste

Neben solchen Zweck-Bekanntschaften haben sich auch echte Freundschaften entwickelt. "Aber es ist für mich schwieriger, Kontakte zu knüpfen. Während vor dem Hörsaal geplaudert wird, muss ich drinnen schon meinen Laptop vorbereiten. Und Uni-Feste meide sie: "Wenn man als Blinde dank der lauten Musik auch nichts mehr hört, wird es ungemütlich", so Pertiller.

Die junge Frau hat sich auch damit abgefunden, dass sie länger studieren wird: "Ich kann Texte nicht einfach so querlesen und brauche länger. Aber ich schaff das Studium blind." Bei Prüfungen gelte es "rechtzeitig vorher auszumachen, ob der jeweilige Professor einen Laptop akzeptiert oder die Prüfung mündlich will", erzählt Pertiller, während bereits der vorher so aufmüpfige "englische Student" mit einem Versöhnungskaffee im Plastikbecher wartet. (Markus Rohrhofer/DER STANDARD Printausgabe, 20. März 2007)

  • Informatikstudentin Cornelia Pertiller.
    foto: privat

    Informatikstudentin Cornelia Pertiller.

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